Erziehung wird durch Geschwister bereichert

Dr. Inés Brock, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, systemische Familientherapeutin, Halle an der Saale, spricht über Bereicherung familiärer Erziehung durch Geschwister.

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Sendehinweis

Focus, 10.1.15

Die Bereicherung familiärer Erziehung durch Geschwister

Nichts prägt Kinder mehr als die Beziehungsdynamik im unmittelbaren sozialen Nahraum der Familie, sagt Ines Brock. „Neben den Erziehungsmustern der Eltern prägen insbesondere die Einflüsse durch die Geschwister die Bindungsqualität eines
Menschen ein Leben lang. Die Geschwisterbeziehung ist die längste
verwandtschaftliche Beziehung und die intensivste Erfahrung von Nähe in der Kindheit. Wer sich mit früher Förderung und Stärkung von Kindern beschäftigt, kommt an den Erkenntnissen der Geschwisterforschung nicht vorbei“, betont Bock.
Und Brock ergänzt: “Dabei muss in die Betrachtung familiärer Erziehung eine Bereicherung durch die Geschwisterdynamik einbezogen werden, denn gerade Resilienz-faktoren, die Kinder entwickeln, sind an den Reichtum an Bindungserfahrungen geknüpft.

Ines Brock
Magdeburger Ausbildungsinstitut für Psychotherapeutische Psychologie

Geschwister erziehen einander

Der Erziehungsstil der Eltern und die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung spielen eine wesentliche Rolle. In Mehrkind-
familien kommt jedoch ein zusätzlicher Erfahrungsschatz hinzu, denn indem die Geschwister sich voneinander abgrenzen, bilden sie ihre eigene Identität heraus. Die unterschiedlichen Erfahrungen, die Kinder in ihrer Familie machen, hängen von zwei Faktoren ab, saqt die Therapeutin Brock: „Einerseits müssen sich die Eltern gegenüber ihren Kindern unterschiedlich verhalten, da jedes Kind verschiedene Anforderungen stellt. Andererseits induzieren die Geschwister ihrerseits durch ihre eigenen Eigenschaften
und Dispositionen ein differenziertes Verhalten der Eltern. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt in der Familie sind die Bedingungen unterschiedlich“.

Familie und die kollektive Lernfähigkeit

Ob ein Verhalten als gerecht oder ungerecht bewertet wird, hängt zusätzlich wesentlich davon ab, ob die Beziehung unter den Geschwistern eher von Liebe und Zuneigung oder von Konkurrenz und Rivalität geprägt ist. Dies wiederum hängt von der Geschlechts-zusammensetzung dem Altersabstand und der Bindungsqualität zu den Eltern ab. Da Familien ein eng verknüpftes System sind,
entwickelt sich eine kollektive Lernfähigkeit. Die Unkündbarkeit der Beziehung unter Geschwistern gibt zudem Sicherheit.

Probelernen und Rollenwechsel ermöglichen die Einübung sozialer Verantwortung. Die Herausbildung der Geschlechtsidentität wird erleichtert durch die Intimität und Nähe, mit der schon
kleine Kinder einander neugierig begegnen können.
Miteinander Aufwachsen bedeutet, dass die Verhaltensweisen korrelieren, sich ein kultureller Habitus entwickelt, den wir Familienklima nennen.

Gewinn für die Kinder

Zusammenfassend wird deutlich, sagt Ines Brock, dass Kinder, die in einer Familie aufwachsen, frühzeitig und ohne pädagogisch intendierte Anleitung den Respekt und die Abgrenzung von den Geschwistern lernen. Das vollzieht sich sowohl auf der Ebene der Wahrnehmung geschlechts-spezifischer als auch charakterlicher Unterschiedlichkeit. Geschwister entwickeln häufig „verschworene Schutzgemeinschaften“, in denen Geheimnisse, Geheimcodes und Geheimsprachen gemeinsam entwickelt werden. Nachgewiesen ist, dass selbst die primäre Sprachsozialisation von den älteren Geschwistern und nicht von der Mutter dominiert wird.

Zur Person:

Dr. Inés Brock, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, systemische Familientherapeutin.
Im MAPP-Institut - Magdeburger Ausbildungsinstitut für Psychotherapeutische Psychologie- seit 2007 als Supervisorin und Dozentin tätig Ambulanz- und Ausbildungsleiterin in der Nebenstelle Halle an der Saale Ansprechpartnerin für alle Fragen, die die Praktische Ausbildung Bereich KJP-TP am Institut betreffen Begleitung der Praktischen Ausbildung in der Institutsambulanz Halle an der Saale

Literatur:

Horst Petri. Geschwister. Liebe und Rivalität. Die längste Beziehung unseres Lebens. Kreuzverlag Stuttgart.

Hans Sohni. Geschwisterbeziehungen in Familien, Gruppen und in der Familientherapie. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht.

Musik:

T* Alla turca / 3.Satz <"Rondo alla turca"> aus der Sonate für Klavier Nr.11 A-Dur (Bearbeitung)
P* Türkischer Marsch

T* Der Vogelfänger bin ich ja / Arie des Papageno aus dem 1.Akt der Oper „Die Zauberflöte“ KV 620 (Bearbeitung)
CD* D’Mühlviertler Okarinamusi - 10 Jahre
E* Der Vogelfänger bin ich ja

T* Kontertanz
S: Karin Pöchtrager/Okarina
S: Thomas Mandel/Cembalo
S: Daniel Oman/Laute

CD* GARRETT VS. PAGANINI - ALBUM ZUM FILM „DER TEUFELSGEIGER"
T* A la Turca/instr. / Bearbeitung
AT* Rondo alla Turca - 3.Satz aus der Sonate für Klavier Nr.11 in A-Dur KV 331 (300i)

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