„Wie man mit Kindern über den Tod spricht“

In der Sendung „Focus - Themen fürs Leben“ spricht Gesundheits- und Notfallpsychologe Univ. Prof. Dr. Gernot Brauchle bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema: „Wie Kinder den Tod verstehen und wie man mit ihnen über den Tod spricht“.

Sendehinweis:

„Focus“, 25.10.2014

Weil Erwachsene Angst vor dem Tod haben und oft nicht recht wissen, was sie sagen sollen, tun sie sich oft schwer, darüber mit Kindern zu reden. Viele meinen auch, man müsste Kinder schützen und fernhalten von Tod und Begräbnissen, oder ihnen zumindest irgendwelche Märchen erzählen. Aber damit tun wir genau das Falsche, sagt Prof. Gernot Brauchle. Er ergänzt: "Wir neigen im Allgemeinen als Erwachsene dazu, den Kindern eine glückliche Welt zu zeigen und sie in einer glücklichen Welt aufwachsen zu lassen.“

Die Sendung zum Nachhören:

Wenn dann jemand aus dem näheren Umfeld sterbe, etwa ein Elternteil oder eines der Geschwister, versuche man oft, den Kindern diese glückliche Welt zu erhalten. Das sei aber ein Fehler: „Wenn wir Kindern die Möglichkeit nehmen, Fragen zu stellen oder über den Tod nachzudenken, nehmen wir ihnen damit die Möglichkeit, quasi Angst zu bewältigen, aber auch Unsicherheit zu kontrollieren. Wir nehmen ihnen die Möglichkeit, in der Familie, dass sie in der Situation etwas tun können und wir nehmen ihnen die Möglichkeit, kindgerecht zu trauern“, so Brauchle. Natürlich bedeute die Auseinandersetzung mit dem Tod auch eine Herausforderung für die Eltern, denn: „Wollen Erwachsene Kindern das Thema Tod nahebringen, müssen sich auch die Erwachsenen damit auseinandersetzen.“

Die Vorstellung von Zeit

Mit dem Eintritt in die Volksschule ändert sich für ein Kind unglaublich viel. Die Kinder lernen nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch viele andere wichtige Dinge. Sie bekommen auch eine Vorstellung von Zeit. Die Schulzeit strukturiert den Tag eines Kindes in Schulstunden und Pausen. Kinder müssen etwas für den nächsten Tag vorbereiten, sie müssen vorausdenken in die Zukunft. Kinder beginnen zu verstehen, was Zeit ist. Wenn Kinder Zeit verstehen, verstehen sie auch die Endgültigkeit. Hier wird der Tod dann auch etwas Endgültiges: oft allerdings mehr im Kopf, als im Gefühl. Sie können es verstehen, akzeptieren es aber nicht.

Gernot Brauchle
PH Vorarlberg

Gesundheits- und Notfallpsychologe Gernot Brauchle

Der Tod, der Sensenmann, kann ihnen nichts anhaben: Sie sind klein und schnell und können dem Tod entwischen, wegrennen. Um der Vorstellung, dass es nach dem Tod nichts mehr gibt, zu entrinnen, entwickeln Kinder das Bild vom Himmel. Der Tod ist für Kindern ab einem gewissen Alter aber auch spannend und geheimnisvoll. Kinder erleben Trauer, auch als Wut, und laufen weg. Sie können diese Trauer zu Beginn nicht einordnen, weil es vielleicht ein neues Gefühl ist. Kinder weinen, weil es ihnen schlecht geht. Das Weinen hat eine wichtige Funktion: Durch das Weinen ist man der verstorbenen Person nahe.

Wie kann man mit Kindern über den Tod sprechen?

Man kann eine unangenehme Nachricht nicht anders vermitteln, als dein Papa, deine Mama, deine Schwester ist leider gestorben. Dann haben Kinder Gelegenheit, den Erwachsenen Fragen zu stellen. Kinder können zeichnen, sie zeichnen meist einen Himmel. Was aber soll man tun? Erstens, meint der Experte, soll man ehrlich informieren, was passiert ist. Zweitens soll man die eigenen und die Gefühle des Kindes ansprechen. Und drittens soll man Sicherheit und Hoffnung geben.

Kinder äußern oft ihren Unglauben. Ein ungeheures Geschehen braucht Zeit. Das kann man nicht glauben, es braucht Zeit. Kinder können nicht so wie wir Erwachsene über ihre Gefühlslage sprechen. Sie spüren Trauer, haben aber kaum Sprache dafür. Sie spüren Trauer als Schmerz und werden wütend. Kinder machen manchmal auf unglaublich lustig und demonstrieren damit eine Affektumkehr. Kinder benötigen auch trauerfreie Zonen: das können Schule oder/und Kindergarten sein.

Trauernde Kinder brauchen Hoffnung

Das Leben wird weitergehen. Kindern brauchen Orientierung und eine neue Struktur. Sollen Kindern mit auf das Begräbnis gehen? Prof. Brauchle empfiehlt, das Kind zu fragen, ob es mitgehen möchte. Und: Es sollte an der Hand einer guten Tante, eines guten Bekannten eventuell das Begräbnis auch früher verlassen können.

Winston’s Wish, die englische Hilfsorganisation für trauernde Familien, hat darum eine sogenannte «Charta für trauernde Kinder» erarbeitet. Darin wird unmissverständlich klargestellt, welche Rechte trauernde Kinder und Jugendliche haben. Der Respekt vor ihren Bedürfnissen kann sehr positive Auswirkungen haben. Er ermöglicht die Chance, das Leben neu zu ordnen und positiv zu gestalten. Dazu gibt es einfache und ganz direkte Möglichkeiten der Hilfe.

Charta für trauernde Kinder und Jugendliche

• Angemessene Information:
Trauernde Kinder haben das Recht, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen sowie Informationen, die deutlich erklären, was passiert ist, weshalb dies so war und was als Nächstes geschehen wird.

• Mit einbezogen sein:
Trauernde Kinder sollten gefragt werden, ob sie mit einbezogen werden möchten in wichtige Entscheidungen, die auch auf ihr Leben Auswirkungen haben werden - wie etwa Planung der Beerdigung, Gestaltung der Jahrestage.

• Die Familie mit einbeziehen:
Trauernde Kinder sollten Unterstützung in der Art erhalten, dass der Vater und/oder die Mutter mit einbezogen wird und gleichzeitig die Vertraulichkeit für das Kind gewahrt bleibt.

• Mit anderen Betroffenen zusammenkommen:
Trauernden Kindern kann es gut tun, wenn sie Gelegenheit erhalten, anderen Kindern zu begegnen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

• Erzählen, was passiert ist:
Trauernde Kinder haben das Recht, ihre Geschichte auf verschiedenste Art zu erzählen. Sie haben das Recht, dass diese Geschichte angehört, gelesen oder angeschaut wird von den Menschen, die ihnen wichtig sind. Die Geschichte kann beispielsweise durch Malen, Fingerpuppen, Briefe und Worte erzählt werden.

• Gefühle ausdrücken:
Trauernde Kinder sollten unbefangen alle Gefühle ausdrücken können, die mit der Trauer verbunden sind, zum Beispiel Wut, Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle und Angst. Sie sollten dabei unterstützt werden, dies in angemessener Weise zu tun.

• Nicht schuld daran:
Trauernde Kinder sollten nach einem Verlust wissen, dass sie nicht verantwortlich für den Tod sind und keine Schuld daran haben.

• Die gewohnte Routine beibehalten:
Trauernden Kindern sollte es möglich sein, ihren früher geliebten Aktivitäten und Interessen auch weiterhin nachzugehen.

• Reaktionen der Schule:
Trauernde Kinder können es als sehr wohltuend empfinden, eine angemessene und positive Reaktion von ihrer Schule zu erhalten.

• Erinnerung:
Trauernde Kinder haben das Recht, die verstorbene Person für den Rest ihres Lebens in Erinnerung zu behalten, wenn sie dies möchten. Dazu kann gehören, dass man gute und schlechte Erinnerungen noch einmal lebendig werden lässt, so dass die Person ein selbstverständlicher Bestandteil der weiteren Lebensgeschichte des Kindes wird.

Quelle: Stokes Julie, Crossley Diana: «A Child’s Grief - supporting a child when someone in the family has died», 2001

Dieser Vortrag wurde im Rahmen der Vortragsreihe „Wissen fürs Leben“ im Festsaal der Arbeiterkammer in Feldkirch aufgezeichnet.

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Gernot Brauchle ist Gesundheits- und Notfallpsychologe. Er war von 2009 bis Ende September 2014 Vorstand des Instituts für Angewandte Psychologie an der Privaten Universität für Gesundheits-wissenschaften in Hall in Tirol. Ab 1.12.2014 wird Prof. Brauchle Rektor der Pädagogischen Hoschschule Vorarlberg. Brauchle ist ein gebürtiger Wolfurter. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Literatur:

Margit Franz, Tabuthema Trauerarbeit: Kinder begleiten bei Abschied, Verlust und Tod. Verlag Don Bosco

Ulf Nilsson, Anna-Clara Tidholm und Ole Könnecke, Adieu, Herr Muffin. Verlag Beltz und Gelberg

Peter Schössow, Gehört das so? Die Geschichte von Elvis. Carl Hanser Verlag

Amelie Fried und Jacky Gleich, Hat Opa einen Anzug an? Carl Hanser Verlag

Musik:

T* Liebestraum
K: Franz Liszt/1811 - 1886
B: Helmuth Brandenburg

T* Songbird
KennyG.

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