Der Tastsinn des Menschen

Dr. Martin Grunwald aus Leipzig spricht in der ORF Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus“ darüber, warum wir ohne Tastsinn nicht leben können.

Sendehinweis:

  • „Focus“, 9.1.2016, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg
  • 14.1.2016, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH), ORF Radio Vorarlberg

Warum besitzen zwischenmenschliche Berührungen den Status eines Lebensmittels? Warum sind diese Formen der menschlichen Körperkommunikation für alle Lebensphasen von zentraler Bedeutung für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden?

Unsere Haut - die äußere Hülle

Wir benötigen die äußere Hülle für die äußere Welt. Jeder Organismus ist gezwungen, die äußere Welt mit seinem Körper, der Körpergrenze, quasi zu „berühren“. Dem kann kein Organismus entgehen, auch nicht unsere Einzeller. Jedes Lebewesen hat die 1000-prozentige Chance, mit der äußeren Realität in Kontakt zu treten.

Die Sendung zum Nachhören:

Die Hülle ist nicht nur Zusammenhalter, sondern diese Hülle signalisiert, was innerhalb der Hülle ist. Die Grenze des Organismus sagt dem Organismus: Hier bist du zu Ende und alles was danach kommt gehört nicht zu dir, aber wenn du es berührst, hast du die Möglichkeit, es zu überprüfen, ob es gut für dich ist oder schädlich.

Grunwald Focus
Haptik Forschungszentrum Leipzig
Martin Grunwald

Bewegung und Berührung trennen?

Jede unserer Bewegungsformen - egal, was wir tun - ist ein Tast-Akt. Nur im Weltall sind wir der Macht der Schwerkraft enthoben. Auf der Erde beschert uns die Schwerkraft immerwährenden Kontakt. Und es ist absolut notwendig, dass ein Zellsystem - auch wir sind eines - diesen Kontakt auf irgendeine Weise verarbeitet.

Elementarer geht es nicht. Man muss weder unbedingt sehen noch hören können, aber die Kontaktanalyse - auch die Berührungsanalyse, also dass wir berührt werden - muss in der Biologie des Systems verankert werden.

Das Visuelle und das Haptische?

In unserer Zeit kursiert das Märchen, dass 80 Prozent aller Informationen über das visuelle System wahrgenommen würden. Das ist so falsch wie nur denkbar. Selbst wenn nur ein Viertel dieser Aussage stimmen würde, müssten alle blinden, alle taub-blind geborenen Menschen die permanente Patientenpopulation in unseren Psychiatrien bilden. Wären 80 Prozent unserer Lebensweltinformationen tatsächlich visueller Natur, dann wären diese Menschen nicht lebensfähig.

Aber eines wissen sie auf jeden Fall: dass sie existieren. Dieses Bewusstsein ist das höchste nur denkbare Produkt unserer Hirnaktivitäten. Und diese Information erhalten wir nicht über das visuelle oder auditive System, sondern sie wird aus dem Tastsinnessystem gespeist. Nur der Tastsinn kann uns unmittelbar versichern, dass wir da sind und die Welt außerhalb unseres Organismus ebenso. Das zeigt sich auch, wenn Menschen unsicher sind. Denn dann wollen sie die Dinge anfassen.

Der Online-Verkauf von Kleidung beispielsweise funktioniert eher bei 2-Euro-T-Shirts, denn bei dem Preis spielt es keine Rolle mehr, wie sich das T-Shirt anfühlt. Aber ab einer bestimmten Preisklasse kommt der Mensch gar nicht umhin, die Dinge anzufassen.

Ohne Berührungen würden wir verkümmern

Ohne menschliche Berührungen würden wir verkümmern. Emotional und kognitiv. Babys brauchen Hautkontakt, damit ihr Gehirn ausreift. Des Weiteren haben wir in unserer Haut, den Sehnen, Gelenken und Muskeln ca. 14 unterschiedliche Rezeptortypen. Die Gesamtanzahl der tastempfindlichen Rezeptoren wächst und wächst ... aber wie groß sie wirklich ist, kann man bisher noch nicht sagen.

Zählen ist heute unmodern, stattdessen werden z.B. genetische Analysen gemacht. Wir haben bereits versucht, im Verbund mit internationalen Anatomen eine allgemeine Schätzung zusammenzutragen - bisher leider erfolglos. Die Zahlen, die ich Ihnen hier genannt habe, sind Extraktionen aus der Literatur zu speziellen Rezeptortypen.

Der ganze Körper ist Tastsinnessystem

Die Menge dieser Rezeptoren macht auch klar, wie stabil das Tastsinnessystem gebaut ist. Verliert hingegen ein Auge nur ein paar seiner Rezeptoren, fällt der Vorhang. Verbindet man einem Säugling nach der Geburt für acht Wochen die Augen, wird er niemals sehen können. Denn das Rezeptorensystem des Auges braucht Lichtreize, um reifen zu können.

Zusammenfassend ist es hochbedeutsam, dass weder die Wissenschaft noch die Alltagsbewunderer des Tastsinnessystems darüber informiert sind, wie viele Rezeptoren in diesem Bereich existieren. Aber so viel steht fest: Der ganze Körper ist ein Tastsinnessystem.

Zur Person:

Dr. Martin Grunwald: 1998 promovierte er am Institut für Kognitive Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Thema „Haptische Reizverarbeitung und EEG-Veränderungen“. Er gründete 1996 in seiner Geburtsstadt Leipzig das Haptik-Forschungslabor.

Literatur :

Martin Grunwald (Hrsg.), Der Bewegte Sinn: Grundlagen Und Anwendungen Zur Haptischen Wahrnehmung [Taschenbuch], Verlag Birkhäuser

Musik:

Baroque and Blue
Finale
CD: Vintage Bowling

Überflieger
CD Quadrat:sch Stubenmusic

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