Solange der Zweifel wach ist, ist Veränderung möglich

In der Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus“ sprechen Prof.Dr. Tatjana Schnell und Univ.-Prof.Dr.mult Hilarion G. Petzold über Zweifel: Solange der Zweifel wach ist, ist Veränderung möglich ... Wer kapituliert, sieht die andere Möglichkeit nicht.

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Zwei Arten von Zweifeln

Es sei wichtig, zwischen zwei Arten von Zweifeln zu unterscheiden, leitet die Sinnforscherin Tatjana Schnell ein. Wir haben den Zweifel, den wir ans Leben herantagen können, und wir haben die Erfahrung, dass das Leben brüchig werden kann.

Sendehinweis:

„Focus“, 1.2.14

Für den Zweifel, den wir an die Welt herantragen, verweist Prof. Schnell auf den Philosophen Sokrates. Er ist dabei der große Fragende, er hat die Welt erkundet mit den Fragen, und die Fragen, die wir stellen, sind eine Form von Zweifel.

Unsere Fragen sind Neugierde

Tatjana Schnell stellt die Frage nach der Frage. Ihre Antwort: „Fragen sind der Motor der menschlichen Entwicklung. Ohne diese Fragen würden wir uns nicht verändern. Wenn wir uns nicht infrage stellen würden, könnte alles beim Alten bleiben. Die Fragen kennen wir alle in unterschiedlicher Weise, wie die Psychologie auch feststellt. In der Kindheit wollen Menschen alles erkunden. Je älter wir werden, umso mehr versuchen wir zu konsolidieren. Irgendwo sind wir froh, irgendwo zu landen und festzustellen, dass wir richtig sind, wo es uns passt, ohne es immer wieder in Frage zu stellen.“

Im Wort Zweifel stecken zwei Möglichkeiten

Es steckt darin auch die Unsicherheit, weil es bedeutet, ich muss mich jetzt entscheiden. Andererseits ist es auch etwas Positives - ich habe noch eine andere Möglichkeit. Ich habe die Wahl. Wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird, können wir aufgeben und untergehen. Wir können resignieren und so dahintreiben. Oder wir können die Möglichkeit des Zweifels ernst nehmen. das heißt, was eine Krise ausmacht. Krise heißt Entscheidung, eine zugespitzte Entscheidung. Deshalb ist Zweifel und Krise konstruktiver als Kapitulation.

Manchmal gibt es aber auch wenige Wege. In der Arbeitslosigkeit, in einer vertrackten Berufssituation, in der Sucht, und manchmal liegt es an uns, Strukturen zu verändern, um die Wahl- zu den wirklichen Möglichkeiten werden zu lassen.

Prof. Hilarion G. Petzold sieht den Zweifel als wichtiges Konstitutivum aus evolutionsbiologischer Perspektive. Es hat Menschen immer vor die Situation gestellt, dass sie vor einem Flussufer sind und sich fragen müssen, kommen wir denn da rüber? In dem Moment, in dem die Menschen mit aufrechtem Gang durch die Welt gehen, wo sie auf die Strecke, die sie hinter sich gebracht haben, zurückschauen können, und auf die Strecke, die noch vor ihnen liegt, sehen was noch vor ihnen liegt. Mit dem aufrechten Gang haben wir so etwas wie Überschau. Zweifeln-Können ist Lebenssicherung, hilft der Lebensbewältigung. In der Menschheitsgeschichte gibt`s die Erfahrung von Menschengruppen, die ein hohes Maß an Nahraum haben, dann ist in dieser Gruppe eine Verbundenheit.

Der kultivierte Zweifel

Wenn wir Menschen treffen, die das systematische Zweifeln nicht gelernt haben, dann sollte die Frage kommen: wie lange gilt das und wofür gilt das? In beruhigten Gesellschaften haben wir diese Grundfragen - werden wir am nächsten Tag zu essen, Arbeit und Schutz haben?- nicht. Dann sehen Eltern Kinder, die nicht mehr aus sich und für sich Zweifel haben. Da ist der Zweifel oft nicht mehr kultiviert.

Wir werden ja mit der Fähigkeit Fragen zu stellen geboren: nicht alle gleich, aber grundsätzlich. Diese WARUM-Frage beginnt bereits beim Kleinkind. Wichtig ist die Kultur des WARUM, weil daraus auch die Kultur des Erklärens erwächst. In totalitären Gesellschaften ist das Zweifeln gefährlich, ja es kann tödlich sein.

Diese Vorträge haben wir bei den Caritasgesprächen 2013 im Bildungshaus St. Arbogast in Götzis aufgezeichnet.

Zur Person

Prof. Dr. Tatjana Schnell
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Institut für Psychologie; Empirische Sinnforschung, Innsbruck.
Univ.-Prof. Dr.mult Hilarion G.Petzold
Europäische Akademie für psychosoziale Gesundheit und Kreativitätsforschung; Fritz- Perls-Institut Düsseldorf/Hückeswagen
Literatur
Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt. Barbara Ehrenreich (Autor), Gabriele Gockel (Übersetzerin). Antje Kunstmann Verlag.

Musik
T:Kein Platz Für Zweifel A: Yasmo

T:Duda de amor (Liebeszweifel). Lesso – Valerio;

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