Das Kind: Wunsch, Gabe oder machbares Geschenk?

In der Sendung „Focus“ sprachen Dr. Almut Dorn und Prof. Dr. Hanna Barbara Gerl-Falkovitz bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema „Das Kind: Wunsch Gabe oder machbares Geschenk?“.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“ 21.12, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg und 26. Dezember, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH)

Je komplexer die Reproduktionsmedizin wird, umso komplexer werde auch die Beratung rund um dieses Thema, sagt die psycholohgische Psychotherapeutin Dr. Almut Dorn.

Die Frauen suchten nach dem idealen Zeitpunkt, an dem sie wirklich bereit seien für die Schwangerschaft wie auch für das Kind. Es verschiebe sich die Geburt des Kindes nicht nur nach hinten, es habe sich das Kinderkriegen von der Sexualität komplett entkoppelt, ergänzt Dorn. Es könne Sexualität gelebt werden, ohne über den Kinderwunsch nachzudenken. Männer schätzten zudem das Nachlassen der Fruchtbarkeit falsch ein, sagt Dorn.

Almut Dorn
Privat
Almut Dorn

Die Beratung zum Kinderwünschen

Es dauere bis zu vier Jahre, bis ein Paar in die Behandlung oder in die Diagnostik komme, sagt Dorn: „Frauen sprechen das bei ihrer Ärztin nicht an, weil sie sich ihre Unfruchtbarkeit subjektiv für sich selbst erklären. Die Paare kommen schon in einem relativ hohen Alter in die Reproduktionsmedizin. Insgesamt sind sie älter geworden, weil sich der Kinderwunsch nach hinten verschiebt. Wenn es medizinisch nicht klappt und sich keine Fruchtbarkeit einstellt, wird häufig der psychische Druck als Grund für die Unfruchtbarkeit herangezogen." Die Psychotherapeutin meint, das geschehe aus ihrer Sicht nicht zurecht.

Stress, Ruhe und Gelassenheit

Stress könne Phasen von organischer Unfruchtbarkeit auslösen. Ruhe und Gelassenheit der Frau könne hingegen ein entsprechendes Signal für die Bereitschaft zur Schwangerschaft sein. Kinderwunschpaare seien psychisch nicht auffälliger als die Allgemein-Bevölkerung. Man müsse bei Kinderwunschpaaren mit Mythen zu deren Entlastung aufräumen - also etwa mit Sätzen wie „Ihr wollt das zu sehr, ihr versteift euch darauf, und das kann ja nicht klappen". Es würden nicht nur Frauen mit der sogenannten richtigen inneren Einstellung schwanger, entkräftet Dorn solche kursierenden Mythen.

Drei Prozent der Paare, die ein Kind adoptiert haben, bekommen ein leibliches Kind. Manchmal würden zwischen oder unmittelbar vor medizinischen Reproduktionsprozessen schwanger. 40 bis 50 Prozent würden ohne Baby nach Hause gehen, das müsse man mitbedenken.

Produkt oder Gabe?

Die Religionsphilosophin Dr. Hanna Barbara Gerl-Falkovitz meint, die Formulierung „Kinder gibt es“ drücke aus, dass es eine Gabe sei, oder einen Geber gebe, so die Religions-Philosophin. „Ende März 1999 bot eine norwegische Stadt eine erotische Woche an, damit ein Kind gezeugt und das Geburtsdatum 1.1.2000 haben sollte.“

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
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Prof. Dr. Hanna Barbara Gerl-Falkovitz

Gerl-Falkovitz beruft sich auf den Philosophen Erasmus von Rotterdam mit seiner milieutheoretischen These: „Kinder werden nicht geboren, sie werden gemacht.“ Der Mensch sei nicht fertig, er werde wesentlich erzogen. Man spreche dabei vom „Phänotyp“, der besage, dass wir eine Vorgabe hätten, aber von anderen geprägt würden. „Zum Phänotyp eines Lebewesens gehören nicht nur die äußerlichen Merkmale, sondern auch Lage und Größe der inneren Organe sowie Verhaltensmerkmale und physiologische Werte wie Blutzuckerspiegel“, so Gerl-Falkovitz.

Sinn und Zweck

Gerl-Falkovitz meint, ein Kind dürfe nicht von seinen Eltern verzweckt werden - etwa, dass ein Kind gezeugt werden, um ein anderes Kind organisch zu retten. Sinn dagegen bedeute, dass sich ein Dasein aus sich selbst heraus trage und es nicht rechtfertigungsbedürftig einem Dritten gegenüber ist.

In der Reproduktionsmedizin sieht Gerl-Falkovitz eine Mentalität, gegen die sie sich ausspricht. Mit einer Methode des Richtens, Austauschens und Zurechtrückens stehe unser Dasein letztlich immer in dem Duktus des Reparierens, des Herstellens und Abschaffens. Hier falle das Entscheidende, das der menschlichen Existenz von außen zukomme, weg. Eine Gesellschaft, die diesen Advent – das Zukommen- nicht mehr kenne, lasse diesen auch nicht mehr zu. Ähnlich beurteilt die Religionsphilosophin die Funktion der Leimütter, die zu einem Zweck für andere Zwecke eingesetzt würden.

Dr. Almut Dorn

hat in Bielefeld, Paris und Mannheim bis 1993 Psychologie studiert. 1999 erhielt sie die Approbation als Psychologische Psychotherapeutin, 2003 den Doktor der Philosophie. 10 Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin und Psychotherapeutin in der Gynäkologischen Psychosomatik im Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde des Universitäts-klinikums Bonn beschäftigt. Von 2007 bis 2010 leitete Dr. Dorn die Gynäkologische Psychosomatik im Endokrinologikum in Hamburg. Seit 2010 ist sie in eigener Privatpraxis tätig und ist neben der Patientenversorgung als Dozentin und Supervisorin.

Vorträge von September 2013

Die Vorträge wurden im September 2013 im Festspielhaus Bregenz anlässlich der Veranstaltung der Sophie von Liechtenstein Stiftung und schwanger.li zum Thema „Projekt Kind - Dialoge zur Reproduktionsmedizin“ aufgezeichnet.

Prof.Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

studierte Philosophie, Germanistik und Politische Wissenschaften in München. Sie leitet das Institut EUPHRat („Europäisches Institut für Philosophie und Religion“) an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Religionsphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts. Eines ihrer zentralen Themen ist auch Vergebung und Verzeihung, dem sie zwei ihrer Bücher widmete.

Musik

Nocturne für Klavier Nr.2 in Es-Dur op.9 Nr.2 Daniel Barenboim/Klavier

Nocturne für Klavier Nr.2 in Fis-Dur op.15 Nr.2 Daniel Barenboim/Klavier

CHOPIN : NOCTURNES / AUSWAHL - DANIEL BARENBOIM Nocturne für Klavier Nr.12 in G-Dur op.37 Nr.2 : Andantino Daniel Barenboim/Klavier

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