Michael Tischinger: „Schritte der Achtsamkeit“

In der Sendung „Focus“ sprach Dr. Michael Tischinger, Chefarzt der Adola Klinik in Oberstdorf (D) bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema „Schritte der Achtsamkeit“.

Die Sendung zum Nachhören

„Wenn wir gut für die Gegenwart sorgen, sorgen wir bestmöglich für die Zukunft“, zitiert Michael Tischinger den Molekularbiologen Jon Kabat Zinn - der Begründer des Stressbewältigungprogramms.

Sendungshinweis:

„Focus“, 14.12.2013

Aus Krise wächst Neues

Der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin eröffnet das Thema „Achtsamkeit“, indem er feststellt, dass das Leben zerbrlich ist: Unsere Beziehungen oder der Beruf können zerbrechen. Gerade Krisen machten uns die Kostbarkeiten des Lebens bewusst. „Oft machen Menschen die Erfahrung, dass - wenn sie sich auf Neues einlassen - sie sich einen neuen Aufbruch gönnen“. Es sei wie beim Zerbrechen von einem Ei: Es zerbreche immer die Schale des Eis - das Äußere. Es gebe kein Zerbrechen, ohne dass dabei daraus etwas Neues schlüpft, so Tischinger.

Die Weisheit des Körpers

Die Krise zwingt uns laut Tischinger innezuhalten und auch nach innen zu gehen. Nach innen, wo wir innerlich diese Krise erfahren. Die Weisheit des Körpers könne uns in Entscheidungskrisen helfen, herauszufinden und erspüren lassen, was wirklich zählt. Wenn die Krise uns vor eine Wand führe, wo es nicht weitergehe, dann sei dort die Fraqe geschrieben: „Was zählt für dich? Was ist dir im Leben wirklich wichtig?“ Tischinger ergänzt: „Das Einzige was wir über das Leben wissen, ist, dass wir eines Tages gehen werden. Wir haben keine Gewissheit, ob wir morgen da sein werden oder nicht.“

Tischinger
SAP/ http://www.sueddeutsche-akademie.de
Dr. Michael Tischinger

Endlich wirklich leben

Unsere moderne Arbeits- und Konsumwelt führe dazu, dass wir uns eingeklemmt fühlen zwischen Dingen, die wir noch erledigen müssten und der Angst etwas zu versäumen, zitiert Michael Tischinger die Sozialwissenschaftlerin Marianne Gronemeyer. „Sie nennt es die Versäumnisangst oder die Angst, zu kurz zu kommen. Wir wähnen uns oft, auf der falschen Party zu sein, während das Glück woanders zu finden sei, als da, wo wir gerade sind. Der Mensch wird dadurch in seiner Freizeit zu einem ruhelos Getriebenen, in einer immer schneller werdenden Zeit."

Der Schlüsselbegriff „Achtsamkeit“

Achtsamkeit ist der Schlüsselbegriff zu einem gelingenderen, gesünderen und erfüllteren Leben. Denn der Gedanke der Achtsamkeit setzt dem gesellschaftlichen Trend der Beschleunigung, der Illusion, dass alles machbar sei, und der Orientierung an der Zukunft etwas anderes entgegen - nämlich die Wahrnehmung der Gegenwart und die dankbare wertschätzende Annahme des Gegebenen. Achtsamkeit kann so zum Schlüssel für ein gelassenes, erfülltes und gesundes Leben werden, so Tischinger.

Die Kraft für das Hier und Jetzt

Das Gefühl zu wenig Zeit zu haben, entstehe dadurch, dass man sich zu viel aufhalst und durch die übermäßige Beschäftigung mit der Vergangenheit oder mit Gedanken, die wir an die Zukunft verschwenden.

Dr. Tischinger meint: “Wichtig ist das Loslassen der Ängste und Sorgen an die Zukunft. Die Vergangenheit ist manchmal noch so präsent, weil wir mit etwas im Unreinen sind: Wir fühlen uns verletzt und gekränkt und hängen noch an etwas Altem fest. So kann Vergangenes an unserem Herzen nagen. Es braucht auch ein Aussöhnen mit der eigenen Biografie, mit dem Weg, den wir bisher gegangen sind und den Menschen unserer Geschichte. Aussöhnen heißt nicht länger auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen: Wir haben es in der Hand, ob wir in der Verletzung bleiben. Ängste und Sorgen, die wir uns über die Zukunft machen, können uns auch beschweren. Man muss die Unterscheidung lernen zwischen einem im Kopf ausgemalten Phantasie- und einem wirklichen Drachen. Zukunftsängste entstehen im Kopf. Indem wir bestmöglich für die Gegenwart sorgen, sorgen wir auch bestmöglich für die Zukunft.“

Zur Person

Dr. Michael Tischinger absolvierte ein Doppelstudium Humanmedizin und Kath. Theologie in München. Seit 2006 an der Adula Klinik in Oberstdorf annahm. Seit Januar 2011 hat er als Chefarzt die medizinsch-therapeutische Leitung der Adula Klinik übernommen. Dr. Tischinger ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Diplom-Theologe und ist in tiefenpsychologischer Psychotherapie und Psychodrama ausgebildet. Außerdem ist er Paar- und Familientherapeut sowie systemischer Therapeut (DGSF) und ist in Schematherapie weitergebildet.

Literatur

Jeder Tag ist ein geschenktes Leben - Schritte der Achtsamkeit. Kreuzverlag Freiburg i.Br.

Musik

Aranjuez Concertos and dances for harp Xavier de Maistre Sony Music

Werbung X