Focus: Macht und Vertrauen in der Erziehung

Prof. Dr. Roland Reichenbach spricht in der Sendung „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema "Macht und Vertrauen in der Erziehung. Diese Sendung wurde im Rahmen der Vortragsreihe „ Wertvolle Kinder“ im ORF- Publikumsstudio in Dornbirn aufgezeichnet.

Autorität wird oft verwechselt mit dem autoritären Verhalten von Menschen. Das autoritäre Verhalten ist problematisch, die autoritäre Persönlichkeit ist höchst problematisch. Man meine immer das gab es früher und gebe es heute nicht mehr. Das stimme nicht, sagt Prof. Reichenbach. Diese Problematik sei auch heute noch aktuell.

Focus zum nachhören

Sendehinweis:

Samstag, 30. November, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg (Donnerstag, 28. November, 21.00 bis 22.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg WH)

Autorität ist ein Anerkennungsverhältnis. Macht ist schwierig - Max Weber habe dazu gesagt: „Macht ist die Fähigkeit beim Andern ein Verhalten zu bewirken, das dieser nicht freiwillig zeigen würde, egal worauf diese Macht beruht.“

Das moralisierte Vokabular

Reichenbach meint, wir hätten uns angewöhnt, uns alle als gleichberechtigt anzusprechen, obwohl wir sozial nicht gleich sind. Partnerschaftlich, gemeinschaftlich, kameradschaftlich lautet die Losungformel. Wir tun auf sozial, wir suggerieren wir seien auf der gleichen Position. Dafür falle uns die Sprache für die soziale Differenz schwer.

Heute müssen wir Gleichbehandlung nicht mehr rechtfertigen, das ist für Reichenbach ein Fortschritt. Ungleichbehandlung sei dagegen rechtfertigungspflichtig. Die Folge ist, dass es Pseudoverhandlungen, Pseudoeinigungen, Pseudopartizipation gebe. Also sehr viel Schauspiel um Gleichheit und dabei gibt es gar keine Gleichheit.

Der Pädagoge muss führen

Wenn Pädagogen schreiben, so merkt man, dass Pädagogik Führung bedeutet, sagt Reichenbach. Dem Kind ist nicht einsichtig und es weißt nicht, ob es ge- oder verführt wird. Wir benötigen eine pädagogische Ethik – zu den Fragen des Führens und Verführens.

Reichenbach interessiert der interkulturelle Unterschied in den Erziehungspraktiken. Eltern und Lehrer wären oft viel gelassener, wenn sie wüssten, wie an anderen Orten viel unverkrampfter erzogen oder gar nicht wird.

Das Gespräch: Bindeglied zwischen den Generationen

Kinder lernen durch das Reden, das Erzählen. Durch das Hören und Zuhören werden wir als Kinder in eine Sprachkultur aufgenommen. Dazu gehöre auch das Lesen lernen, weil wir dadurch Teil eines Zeichensystems werden. Der Pädagoge muss führen. Der Lehrer bauche Sachautorität, er muss den Unterricht störungsfrei leiten und die Einhaltung verbindlicher Regeln beachten.

Belohnung und Bestrafung

Die erste Disziplinierung beim Kind ist das Stillsitzen lernen. Das wesentlichste Versagen der Autorität ist, wenn sie etwas verspricht, was sie aber nicht einhalten kann: „Wenn du dich anstrengst wird es dir nützen“. Die wichtigste Quelle der Autorität ist die Belohnungs- und nicht die Bestrafungsmacht.

Autorität und Pädagogik

Prof. Reichenbach sagt: " Wenn man im moralischen und politischen Bereich nicht mehr weiß, welche Welt man will, kann man auch nicht pädagogisch tätig sein." Man muss dem Kind die Welt zeigen. Das Kind will aber auch, dass Mama auch schaut. Kinder sind exoterisch auf die Welt bezogen. Verantwortung für die Welt übernehmen heißt, die Welt zeigen.

„Die Schönheit der Welt muss dem Kind gezeigt werden.“ „Es kommt darauf an, ob wir die Welt genügend lieben“ zitiert Roland Reichenbach Hannah Arendt. Nach Arendt existiert in der Erziehung zweifacher Form der Verantwortung:

  1. Man hat das Kind vor der Welt zu schützen.
  2. Man muss die Welt vor dem Kind schützen.

Man muss wissen, was man von der Welt wissen will, was man weitergeben will, und es gilt nicht, es ist deine Welt, du kannst machen was du willst. Pädagogisch versagt man letztlich nicht wegen Wirkungslosigkeit. Man zeigt der Jugend die Welt und verweist darauf, dass sie die Welt bewahren sollen, wie es die Alten gerne hätten. Das funktioniert aber nicht mehr.

Zur Person:

Univ.Prof. Dr. Roland Reichenbach
1.2.2008 Ordinarius für Pädagogik der Universität Basel.
August 2009 Übernahme der Redaktion der „Zeitschrift für Pädagogik“ (Geschäftsführender Herausgeber).
Juli 2012 Wahl zum Präsidenten der Schweizerischen Gesellschaft für Bildungsforschung(SGBF).
Seit 1.1.2013 Lehrstuhl für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich

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