Heinz Bude: „Das Dilemma der Bildung"

Univ.-Prof. Dr. Heinz Bude spricht in der Sendung „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema „Das Dilemma der Bildung“. Thematisiert wird der Leistungsdruck, mit dem Kinder von bildungshöheren Schichten konfrontiert sind.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 15.2.2014 (Wiederholung vom 9. November 2013)

Für Eltern mit entsprechendem Schul- oder Studienabschluss ist laut Univ.-Prof. Dr. Heinz Bude oft undenkbar, dass die Kinder unter ihrem eigenen Bildungsabschluss bleiben. Eltern mit Studienabschluss und einer guten Position in einem Forschungsunternehmen etwa wollen, dass ihr Kind mindestens einen Studienabschluss habe.

„Shadow-Education“

Wehe, der Sohn bekommt keine Empfehlung für eine weiterführende Schule. Was macht man? Man intensiviere das gesamte Nachhilfeprogramm, in einem Umfang, wie man sich das gar nicht vorstellen könne, so Bude. Es gebe auch - so Bude - in Deutschland einen riesigen Markt an „Shadow-Education“. Das bedeute, dass die Eltern in der Nacht nicht schlafen und sich stattdessen gegenseitig Vorwürfe machen.

Heinz Bude
Bischöfliche Pressestelle Hildesheim
Heinz Bude

Familien seien ein Energiezentrum eigener Art. Politische Strategen hätten Schwierigkeiten dabei, über die unsichtbaren Strategien von Familien zu verfügen, so Bude. Die PISA-Sieger Japan und Südkorea tun aber genau das: Sie haben einen „Schatten-Bildungsmarkt“, in dem Kinder abends - nach der Schule - nochmals in die Schule gehen.

Blühender Markt der Privatschulen

Was machen Eltern, wenn sie das Gefühl haben, ihr Kind bekommt in der öffentlichen Schule zu wenig Förderung? Sie schicken ihr Kind an eine Privatschule, erklärt Bude. Er nennt diesen Privatschul-Boom einen „Wahnsinn“, weil gerade privilegierte Eltern und deren Kinder sich auf diesem Weg Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Schulsystem verabschieden würden.

Bildung als Motor für Heirats-und Beziehungsmärkte

Sie - die Heirats-und Beziehungsmärkte - verändern sich laut Bude in unserer Gesellschaft hin zu einem System sozialer Schließung. Das zentrale Element sozialer Schließungen sei Bildung. Wen heiratet die Enkelin mit Medizinabschluss? „Die heiraten nicht mehr statusdifferent, sondern statusgleich“, so Bude. Alles sei bildungsvermittelt: Die Vorstellungen von Urlaub, Einkauf und Kleidung seien Metaphern für dieses Klassendenken. Diese Heirats-und Beziehungsmärkte führten zu einer Homogenisierung und Abschließung dieser Sozialsysteme. Wenn die Kinder dieser Milieus wieder mit Kindern desselben Milieus in der Klasse einer Privatschule sitzen, dann komme es zu diesem Prozess der „Verschließung“.

Lehrer als Instanz für Sozialisation

Der Lehrer sei zuerst Sozialisationsinstanz und nicht Wissensdienstleister, so Bude. Das bedeute: Wissen verkörpern und glaubhaft machen, die Schüler müssten sich wiederum den Lehrern anvertrauen. Wenn wir zu jemandem kein Vertrauen hätten, würden wir auch nichts lernen, so Bude.

Wachsende Bildungsbeteiligung der Frau

Frauen seien die großen Gewinner aller Bildungsexpansionen. Es gebe mehr Frauen als Männer an den Universitäten. Die Frauen machten die besseren Abschlüsse. Das erhöhe die Kündbarkeit der Beziehungen. Zwei Beziehungen seien jedoch nicht kündbar: nämlich jene zwischen Eltern und Kindern und jene zu Geschwistern.

Lernwillige Migrantenkinder und „Verlierer“

In deutschen und österreichischen Großstädten hätten 50-70 Prozent aller Kinder zumindest einen Elternteil mit nicht deutschsprachiger Herkunft, so Bude. Es gebe also keine „bio-deutschen“ Klassen. Heinz Bude gibt zwei Entwarnungen: erstens über die Bildungserfolge der türkisch-stämmigen Deutschen. Je größer der Migrationsanteil in einer Gruppe werde, umso größer werde auch die Anzahl der Migrationsverlierer. Sie seien das Problem der Bildungsdebatte. In Berlin seien es die arabisch-stämmigen Kinder und Kinder aus den Bürgerkriegsregionen wie z.b: dem Libanon, dem Kosovo etc. Darauf seien die Bildungssysteme nicht ausgerichtet.

Anstrengungen erforderlich

Sie würden in Österreich im dualen Bildungssystem erhebliche Anstrengungen machen müssen. Sie müssten für die Pflege ihrer Manpower etwas tun. Im Zentrum sollte die Renovierung des dualen Systems der Bildungen stehen, glaubt Bude.

Zu frühe Selektion

„Ich glaube, dass man mehr gemeinsame Lernzeiten vorsehen muss, dass man das auf sechs Jahre erweitern sollte mit zwölf Jahren verschiedene Formen der Gymnasien vorsieht“, unterstreicht Bude, der als Beispiele Werkgymnasien, Humanistische Gymnasien und mittlere Berufsabschlüsse durch duale Bildung nennt.

Erstausbildung statt Schulabschluss

Das Bildungsminimum in modernen Gesellschaften sollte laut Bude nicht der mittlere Schulabschluss sein, sondern die berufliche Erstausbildung. Man sei jedem eine berufliche Erstausbildung - und nicht einen mittleren Schulabschluss - schuldig.

Zur Person

Univ.-Professor Dr. Heinz Bude geb. 1954 in Wuppertal; Studium für Soziologie, Philosophie und Psychologie an der Universität Tübingen und an der Freien Universität Berlin. 1978 Diplom in Soziologie. Promotion zum Dr. phil. mit einer Dissertation zur Wirkungsgeschichte der Flakhelfer-Generation 1986.

Habilitation mit einer Schrift zur Herkunftsgeschichte der 68er-Generation im Jahr 1994.

Seit 2000 Professur für Makrosoziologie an der Universität Kassel.

Literatur von Heinz Bude zum Thema

Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet. Carl Hanser Verlag

Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, München: Carl Hanser Verlag, 2008.

Exklusion. Die Debatte über die „Überflüssigen“, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008. (Hg. zus. mit Andreas Willisch)

Musik

T* PERENNE T* Gitana

K: Augusto Collettini K: Massimo Di Cicco

T:ME AND JULIO DOWN BY THE SCHOOLYARD I:Paul Simon

Werbung X