„Arbeit als Quelle von Glück und Krankheit“, Teil 2

Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer spricht in der Reihe „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über die Rolle der Arbeit, die Quelle von Glück und Krankheitsrisiko sein kann. Während er im ersten Teil die Funktionsweise des Gehirns erläuterte, geht es im zweiten Teil konkret um die Arbeit.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 19.10.2013

Der Hirnforscher Joachim Bauer hat den Zuhörerinnen und Zuhörern im ersten Teil die Funktionsweise des Gehirns erklärt und das Motivations-, Stress- und das Schmerzsystem nahegebracht. Er hat darauf verwiesen, was letztlich darüber mitentscheidet, was Menschen am Arbeitsplatz gesund bleiben oder krank werden lässt.

Technologischer Fortschritt

Im zweiten Teil geht es nun ganz konkret um die Arbeit. „Wir wissen alle, dass wir einen enormen technologischen Fortschritt haben. Die modernen Kommunikationsmedien sind ganz toll, die soll man nicht verteufeln. Wir haben Globalisierung, einen brutalen Wettbewerb, Kostendruck, ausgelöst durch die Angebote aus Niedriglohnländern. Dieser Druck setzt sich fort, der wird an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durchgereicht“, eröffnet Prof. Bauer seine Sichtweise auf die Berufs-und Arbeitswelt.

Arbeitsverdichtung und Neu-Qualifizierung

Die Arbeitsverdichtung verlange vom Beschäftigten, dass er/sie wegen des technischen Fortschritts und wegen der Globalisierung immer mehr in der gleichen Zeit leisten müsse. Zudem würden heute Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit dem, was sie in der Lehre gelernt haben, zehn Jahre später gar nicht mehr weiterkommen. „Sie müssen sich unaufhörlich qualifizieren und eigentlich immer wieder ganz neue Berufe lernen, weil der Beruf, den sie gelernt haben, so gar nicht mehr gefragt sei, ergänzt Bauer.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse bedeuten, dass sich die Menschen das Wohnen und Essen nicht mehr leisten können. Weil Menschen Vollzeit arbeiten, aber vom Lohn mit einer Familie nicht ausreichend leben können, benötigen immer mehr Beschäftigte Zweitbeschäftigungen - sie kommen mit dem Geld, das sie in dem einen Job verdienen, nicht aus.

Dementsprechend arbeiten viele Menschen mehr als 40 Stunden, schildert Bauer: „Fünf Prozent der Arbeitnehmer haben wir sogar eine Wochenarbeitszeit von mehr als 60 Wochenstunden. Jeder zwanzigste deutsche Arbeitnehmer arbeitet mehr als 60 Stunden pro Woche“, umschreibt Prof. Bauer die Anforderungen an diese Arbeitnehmer.

„Die Kultur des neuen Kapitalismus“

Diese Kultur des neuen Kapitalismus hat der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett untersucht. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass Investoren Geld in Betriebe und Unternehmen anders investieren, als es Geldanleger vor dem Beobachtungszeitraum von 25 Jahren gemacht haben. Die „guten alten Investoren“, so Prof. Bauer, haben ihr Geld in einen Betrieb in Form von Aktien investiert und auf einen Zuwachs von fünf bis zehn Prozent gehofft.

Das sei den heutigen Investoren nicht mehr genug, verweist Prof. Bauer auf Richard Sennett. Diese früheren Gewinnmarchen sind den Hedgefonds zu langsam und zu niedrig. Sennett spricht vom ungeduldigen Kapital: „Die wollen ihren Profit schneller haben; indem ich in ein Unternehmen reingehe, die Aktien kaufe, aber nicht warte bis da Renditen kommen, sondern etwas unternehme, das den Aktienkurs hochtreibt und die Aktie nach kurzer Zeit wieder teurer verkaufen kann. Das ist der SHAREHOLDR-VALUE“, zitiert Bauer Richard Sennett. In sehr vielen Fällen ruiniere diese Methode den Betrieb.

„Die McJobs“

Diese Methode des neuen Kapitalismus bringt einen unglaublichen Stress in die Unternehmen. "Es gibt die
‚Mc-Jobs‘ - schnelle Jobs- unter dem Motto ’
‚Wir engagieren dich mal befristet und dann lassen wir dich wieder laufen‘ und suchen uns neue Leute. Dieses System will nicht, dass sich Arbeitnehmer sicher fühlen. Dieses System will, dass immer Unruhe in der Firma ist und sich kein Arbeitnehmer sich zu sicher fühlt“, konstatiert Hirnforscher Bauer.

Burnout - Depression - Erschöpfung

„Burnout ist eine auf den Arbeitsplatz bezogene Störung der Motivation und Leistungsfähigkeit. Die Depression dagegen bezieht sich auf alle Lebensbereiche und betrifft die gesamte Lebensfreude eines Menschen. Menschen, die eine Depression haben, haben am gesamten Leben keine Freude mehr und nicht nur an der Arbeit“, differenziert Joachim Bauer die unterschiedlichen Befindlichkeiten und Krankheitsbilder.

„Erschöpfung ist Erschöpfung. Burnout ist Erschöpfung plus etwas dazu; also mit einem Widerwillen gegen das, was man tut. Ein Beispiel: Lehrer, die leidenschaftlich für ihre Schüler da waren, können sie plötzlich nicht mehr sehen. Das Plus beim Burnout sei der schwere innere Widerwille gegen die Arbeit oder gegen Menschen, für man tätig sei, so Bauer.

Joachim Bauer
Joachim Bauer: Blessing Verlag
Joachim Bauer

Zur Person:

Univ.-Professor Dr. Joachim Bauer ist Hirnforscher, Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut, ein vielfach ausgezeichneter Bestsellerautor, er lehrt, forscht und arbeitet am Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau in der Abteilung Psychosomatische Medizin.

Die Zeitschrift „Cicero“ (das Magazin für Politische Kultur) zählte Joachim Bauer im Jänner dieses Jahres zu den 500 einflussreichsten deutschsprachigen Intellektuellen.

Literatur:

Joachim Bauer: „Arbeit- warum unser Glück von ihr abhängt und wie sei uns krank macht“, Blessing Verlag

Richard Sennett: „Die Kultur des neuen Kapitalismus“.

Musik:

T* Hard work
T* SAX COMES TO DANCE

T* Never mind
G* SOPRANO SAX BALLADS

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