Joachim Bauer: „Arbeit als Quelle von Glück und Krankheitsrisiko“, Teil 1

Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer spricht in der Reihe „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über die Rolle der Arbeit, die Quelle von Glück und Krankheitsrisiko sein kann.

Sendungshinweis:

„Focus“, 11.10.13

„Wir sprechen zu wenig über die Arbeit, wo sie doch praktisch unser ganzes Leben ausfüllt. Wenn man auf die Zeit schaut, wo wir wach sind, wo wir nicht schlafen, sind wir in dieser wachen Zeit mit der Arbeit beschäftigt. Die Freizeit macht einen kleineren Teil aus. Von daher ergibt sich ein Missverhältnis zwischen dem großen Anteil, den die Arbeit in unserem Leben einnimmt und der gewissen Distanz und Chance, über die Arbeit vertieft miteinander zu reden andererseits“, sagt Prof. Bauer einleitend.

Die Sendung zum Nachhören:

Man spreche über die Arbeit nur, wenn es darum gehe Wirtschaftsdaten zu vermitteln oder irgendwelche Problemaspekte der Arbeit hervorzuheben - zum Beispiel wenn die Krankenkassen ihre jährlichen Statistiken veröffentlichen und man dann lesen könne, dass etwa Stresserkrankungen massiv zunehmen und dass es immer mehr Menschen gebe, die wegen stressbedingter - also psychomentaler - Erkrankungen vorzeitig in den Ruhestand gehen.

Anliegen von Joachim Bauer ist das Defizit des Thematisierens von Aspekten wie Liebe und Partnerschaft in den Medien und andererseits der Arbeit - also, was sie ausmache und wie es uns damit geht.

Was passiert, wenn Arbeit auf das Gehirn trifft?

Wenn die Arbeit auf den Menschen trifft, trifft sie auf das Gehirn. Das meiste, was wir in unserer Epoche an den Arbeitsplätzen leisten, leisten wir mit dem zentralen Nervensystem.

Joachim Bauer
Joachim Bauer: Blessing Verlag
Joachim Bauer

Es ist nicht mehr sowie vor 150 oder 300 Jahren, dass man mit halb abgeschalteten Nervensystemen arbeiten konnte, weil es körperliche Arbeit war, die man zu vollbringen hatte. Heute hingegen leben wir in einem Zeitalter, in dem die Arbeit tatsächlich vor allem das Gehirn der Menschen beansprucht: Aufmerksamkeit, Konzentration, Problemlösearbeit, Kommunikation, Zusammenarbeit - das sind alles Kompetenzen, die durch unser Gehirn bereitgestellt werden. Das betrifft nicht nur Akademiker, sondern auch Menschen in Fabriken, wo sie an programmierten Maschinen arbeiten. Da sind in erheblichem Maße Kompetenzen gefordert, die auch bei Arbeitern in der Fabrik das Gehirn ansprechen, verdeutlicht Bauer.

Kann die Arbeit Einfluss auf Gesundheit oder Krankheit nehmen?

Wir wissen heute, dass Gene keine Selbstläufer, keine Autisten, die unbeeinflusst von dem was außen herum passiert, sind, merkt Bauer an. Gene werden durch die Umgebung, in der wir leben, durch unsere Umwelten, beeinflusst; und zwar nicht in ihrem biochemischen Text, sondern dadurch wie die „Umwelten“ die Aktivität von Genen beeinflussen. Umweltfaktoren können dazu führen, dass ganze Gengruppen aktiviert und eingeschaltet oder abgeschaltet werden.

Das System für emotionale Intelligenz

Es werden von uns Menschen nicht nur Fakten wahrgenommen, sondern auch bewertet - zum Beispiel: Was sind das für Menschen um mich herum? Wie freundlich oder feindselig ist das Team, in dem ich arbeite? Diese Evaluierung wird in jeder unserer Lebensminuten geleistet.

Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie

Guter Stress-schlechter Stress

Man weiß, dass Stress, den wir mit unseren Mitmenschen haben, dazu führt, dass in unserem Gehirn bestimmte Stress-Gene eingeschaltet werden. Leichter Stress ist nicht so schlimm. Wenn er aber zu groß wird, wenn wir etwa dauernd in Angst oder Bedrohung leben, werden nicht nur Stress-Gene eingeschaltet, sondern auch Nervenwachstums-Gene abgeschaltet. Das heißt: Gene, die gut sind, werden abgeschaltet, weil durch überstarken Stress Nervenzellen geschädigt werden.

Bei lösbaren Herausforderungen und Aufgaben werden Nervenwachstums-Gene - ohne unser Zutun - eingeschaltet. Wenn wir Menschen Aufgaben haben, bei denen wir gefordert sind, die uns herausfordern und die wir lösen können, gedeiht unser Hirn. Schulen, die Erfolgserlebnisse fördern, aktivieren Schüler besser, wodurch die Gehirnentwicklung der Kinder gefördert wird. Bei Kindern, die eingeschüchtert und permanent überfordert werden, entstehen biologisch betrachtet „schlechtere Gehirne“, verdeutlicht Bauer.

Was ist gute Arbeit und was Arbeit, die krank macht?

Das Motivationssystem

Wenn jemand Freude an der Arbeit haben und gesund bleiben möchte, dann muss er oder sie motiviert sein. Die Motivation wird nicht durch guten Willen erzeugt, sondern auch durch das Gehirn produziert. Was benötigen wir dafür und was benötigt das Gehirn, damit es diese Bedingungen herstellt? Im Gehirn funktioniert das so, dass das Gehirn einen Cocktail an Botenstoffen produziert: Dopamin - die Energiedroge des Körpers - ist für den Körper wie das Kerosin für das Flugzeug. Es ermöglicht, dass unsere „Batterien“ geladen sind.

Körpereigene Opioide sind Wohlfühlbotenstoffe. Sie bewirken, dass alles gut läuft und dass wir uns wohlfühlen in unserem Körper. Oxytocin, ein Vertrauens- und Kooperationshormon, sorgt dafür, dass wir anderen Menschen vertrauen können und dass wir Lust haben, mit anderen zu kooperieren.

Was muss auf einen Menschen ein wirken, dass sein Motivationssystem aktiv wird? Zuwendung, soziale Akzeptanz, Wertschätzung, Anerkennung, wohlmeinende Kritik.

Das Schmerzsystem

Aus der Sicht des Gehirns ist soziale Ausgrenzung und Demütigung dasselbe wie die Zufügung körperlicher Schmerzen.

Denn auch wenn wir ausgegrenzt und gedemütigt werden, kommen Schmerzen ins Spiel. Die intensive Ausgrenzung ist Mobbing..

Das Stresssystem

Das sind jene Teile im Gehirn, in denen Stresssysteme eingeschaltet werden. Wenn wir uns anstrengen müssen, werden diese Gene eingeschaltet. Wenn die Herausforderung lösbar ist, dann wird das Stresssystem wieder abgeschaltet. Gene sind keine Stellschrauben, die so einfach eingestellt sind und sich um nichts kümmern. Gene sind Kommunikatoren.

Wichtig für uns ist, ob wir etwas in uns haben, um den Stress, die Belastungen möglicherweise abschalten zu können. Der Mensch braucht auch eigene Kontroll- (bzgl. Takt u. Schnelligkeit) und damit Freiheitsräume, an denen er sich für sich selbst orientieren kann.

Multitasking - Rückschritt in die Wildnis

Das heißt nach allen Seiten schauen, denn von überall her könnte Gefahr drohen. Eine breite, flache Aufmerksamkeit nach vielen Seiten ist nötig.

Evolutionär betrachtet, machte der Mensch einen Schritt von der Savanne in die Kultur. Er konzentrierte sich auf eine Sache: Er bastelte Körbe, er bearbeitete Steine; Große Leistungen werden dadurch erbracht, dass wir zu einer Zeit auf eine Sache konzentriert sind.

Was wir heute in Form des Multitaskings machen, sei kein Fortschritt, mahnt Prof. Bauer. Menschen, die viel Multitasking betreiben, verlieren ihre Fähigkeit, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Viel Multitasking mache dumm, so Bauer. Weil Multitasking nicht gut tut, sei die Achtsamkeits-Meditation ein internationaler Renner geworden.

Person:

Univ.-Professor Dr. Joachim Bauer ist Hirnforscher, Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut, ein vielfach ausgezeichneter Bestsellerautor, er lehrt, forscht und arbeitet am Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau in der Abteilung Psychosomatische Medizin.

Die Zeitschrift „Cicero“ (das Magazin für Politische Kultur) zählte Joachim Bauer im Jänner dieses Jahres zu den 500 einflussreichsten deutschsprachigen Intellektuellen.

Literatur zum Thema:

Joachim Bauer. „Arbei: Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht.“ Blessing Verlag

Musik:

G* EUROPEAN ACCORDION
T* Bolero tango

G* EUROPEAN ACCORDION
T* Farewell

G* EUROPEAN ACCORDION
T* Pasodoble Espanol

K: Jurek Lamorski
K: Lars Luis Linek

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