F. Steffensky: „Vom Umgang mit der Tradition“

Prof. Dr. Fulbert Steffensky, Schriftsteller und Religionspädagoge aus Luzern in der Schweiz, spricht in der Sendung „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über den Umgang mit der Tradition.

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Was haben wir an unseren Traditionen? - in der Welt, in der wir heute diese Frage stellen - und im Vergleich zur Welt in früheren Zeiten. Was war die Signatur der alten religiösen Welt und was ist die heutige? Diese Frage stellt Prof. Dr. Fulbert Steffensky einleitend. Unsere Lebensversuche seien nicht unabhängig von den Zeiten, in denen wir leben, von den Menschen, mit denen wir leben, von der Gesellschaft in der wir leben.

Sendungshinweis:

Focus, 3.8.2013

Leute „haben alles imitiert“

Fulbert Steffensky versucht die Signatur der alten Welt zu beschreiben und mit jener seiner Enkel zu vergleichen. Seine alte Kinderwelt sei eine traditionelle Welt, es sei eine imitative Welt gewesen, die Leute hätten gedacht, gefühlt, geglaubt, gehandelt wie schon ihre Vorfahren. „Sie haben alles imitiert“, sagt Steffensky.

Es sei nicht gerne gesehen gewesen, selbständig bzw. ein autonomes Subjekt zu sein. In der Welt seiner Enkel sei die die Stimme der Toten leiser geworden, die Tradition sei verblasst. Die Kinder würden ihren Glauben erben, ihre Lebensoptionen nicht mehr, sondern müssen sie selbst aushandeln. Das verwirre sie und das lasse sie gleichzeitig das Subjekt ihres eigenen Gewissens und Subjekt ihres Handelns sein.

Fulbert Steffensky
Bildungshaus St. Arbogast
Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky sagt, seine Kindheit sei voll von kanonischem Wissen gewesen - von auferlegtem Wissen, weil es ständig Lehrerinnen und Lehrer gegeben habe. Es habe zu viele Bücher gegeben, die sich der Wirklichkeit unterwarfen und sich in die Wirklichkeit einmischten.

Das Problem seiner Enkel könnte sein, dass sie keine Texte mehr haben, keine Texte mehr kennen, die ihnen die Welt auf- bzw. erschließen. „Wenn wir an der Tradition gelitten haben, so leiden die Jungen heute an der Traditionslosigkeit“, so Steffensky.

Man gehörte „immer zu...“

In seiner Kindheit habe man nur einen einzigen religiösen Lebensentwurf gekannt - in dem Dorf, in dem er aufgewachsen sei, sei man so katholisch gewesen, wie man atmete. "Es gab eine protestantische Familie im Ort, ein strafversetzter Gendarm mit seiner Familie; von ihr ist gesagt worden, sie seien zwar evangelisch, aber anständig“, gibt Steffensky einen Einblick in die konfessionelle Einheit seiner damaligen Gemeinde.

Die Welt seiner Enkel sei vielstimmig geworden: mit verschiedenen Glaubens- und Lebensweisen. Das irritiere sie und es befreie sie von der Diktatur der Einzigartigkeit. In seiner Kindheit sei man nie ohne irgendeine Zugehörigkeit gewesen: man sei nie allein gewesen: Man gehörte zu einer Großfamilie, zu einem Dorf - sogar in den Städten gehörte man zu Dörfern, in Hamburg habe es die Dörfer in der Stadt gegeben, die sich durch einen eigenen Dialekt oder eine eigene Dialektfärbung unterschieden. Man sei nie allein gewesen, die Enkel dagegen würden in einer hoch individualisierten Welt leben. Sie seien frei vom Bann des Allgemeinen, der Gruppe, und sie seien einsamer als sie es damals gewesen sein, sagt Prof. Steffensky.

Er habe in einer Welt voller Bräuche, Rituale, Lebensinszenierungen, Aufführungen und Formen gelebt, die die Religion vorgegeben habe, sagt Steffensky.

Das Perlenlied

Steffensky erinnert an ein Perlenlied, in dem die Rede ist von einem Königssohn im Osten (der Osten stehe für Licht), umhegt von der Fürsorge seiner Eltern. Er wird erwachsen und muss das Nest der Eltern verlassen, er muss eine Gefahr bestehen und soll nach Ägypten. Er soll unter Gefahren eine Perle im Land der Finsternis (im Westen) finden. Er könne erst Erbe sein, wenn er die Gefahren bestanden hat, hieß es.

Er kommt in ein fremdes Land und kehrt in eine Herberge ein. Der Königssohn wollte nicht, dass man ihn dort als Fremden erkennt, deshalb kleidete er sich in ihre Gewänder. Das Gewand ist nicht nur etwas Äußeres um sich zu bedecken, Kleidung meint im Märchen auch Symbol und Teil einer Person.

Er lebte wie ein Ägypter unter Ägyptern und vergaß seine Aufgabe, seine Perlen. Er fällt in den Schlaf des Vergessens. Er erhält Nachricht von seinen Eltern mit der Erinnerung für ihn daran, dass er ein Königssohn sei und dass er eine Aufgabe übertragen bekommen habe. ERINNERN ist das Grundwort, im Märchen. Ein Brief der Eltern des Königssohnes kommt mit dem Adler über das Meer; der weckt den Königssohn aus seinen Todesträumen. Er erinnert sich seiner Herkunft, seines Auftrags, und seines Versprechens. Er erkämpft die Perle und kehrt zurück zu seinen Eltern. Die Bibel, die Psalmen und die anderen Texte sind Briefe aus einem fernen Land. Wer einen solchen Brief aus der Ferne hat, der könnte sich daran erinnern, der könnte am Weiterschlafen gehindert sein, der könnte aufwachen und sehen wo er ist. Die Schärfe seines Blicks kommt daher, dass er nicht nur ein Hiesiger, ein Heutiger ist, er ist mit seiner Herkunft auch ein Gestriger.

Er ist auch ein Morgiger mit einem Versprechen; ist die Gegenwart ohne Erinnerung, die nur sich selbst kennt, dann ist das das pure Gefängnis.

Man könne in doppelter Weise an Traditionen leiden, wobei nicht nur Bücher, sondern auch Kirchen gemeint seien. Daran dass man Bücher hat und daran, dass man keine hat. Die Texte wollten - Steffensky erinnert an seine Jugend - die Wirklichkeit beherrschen und ersetzen. Man musste die eigenen Erfahrungen gegen die Bücher einbringen.

Zur Person

Prof. Dr. Fulbert Steffensky feierte am 7. Juli seinen achzigsten Geburtstag. In Rehlingen im Saarland geboren, katholisch getauft, wird Fulbert Steffensky nach dem Studium der katholischen und evangelischen Theologie Mönch. Er lebte 13 Jahre lang als Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach. 1969 konvertierte Steffensky zum lutherischen Bekenntnis und heiratete die evangelische Theologin Dorothee Sölle, die damals zu einer der Wortführerinnen eines politisch engagierten Christentums aufstieg. Mit ihr, die 2003 gestorben ist, begründete Steffensky das mittlerweile legendäre Politische Nachtgebet, das von 1968 bis 72 regelmäßig in der Kölner Antoniterkirche abgehalten wurde. Seine erste Professur für Erziehungswissenschaft hatte er an der Fachhochschule Köln. 1975 wechselte er als Professor für Religionspädagogik an die Universität Hamburg, wo er 1998 emeritierte. Fulbert Steffensky lebt heute in Luzern in der Schweiz.

Literatur

Noch ein Hinweis auf zwei Bücher von Fulbert Steffensky:

Gewagter Glaube. - Stuttgart : Radius, 2012

Der Schatz im Acker. - Stuttgart : Radius, 2010

Musik

CD: Konzert für 4 Gitarren D-Dur RV93
Angel Romero/Gitarre,
Celedonio Romero/Gitarre,
Celin Romero/Gitarre,
Pepe Romero/Gitarre

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