„Das Leben kommt ohne Gebrauchsanweisung“

Prof.Dr. Annelie Keil, Soziologin aus Bremen, spricht in der Sendung „Focus“ von ORF Radio Vorarlberg über das Thema „Das Leben kommt ohne Gebrauchsanweisung “.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 19.7.2013

Gesundheit und Gesundheitsförderung

„Ich habe in meiner gesundheitlichen Altersvorbereitung immer daran gedacht: ‚’Wo wird es denn einmal sein, wo ich meinen Lebensabend verbringen werde?’“ sagt Annelie Keil. Wenn sie das verdränge, habe sie einer der schärfsten Gesundheitsbeeinträchtigungen, die man sich vorstellen könne, sagt Professorin Keil.

Gesundheit fördern heißt also älter werden. Als Jugendlicher frage man sich: „Was kommt denn auf mich zu?“ Das sei einer der wichtigsten Aufgaben der eigenen Gesundheitsförderung, weil alles, was man als Konflikt und Problem als unlösbar in die Hilflosigkeit stecke, sei beeinträchtigend, so Keil.

Annelie Keil
Privat
Annelie Keil

Gesundheit und Gesundheitsförderung

Leben bekommen wir ohne Gebrauchsanweisung. Es stehe nirgendwo drauf, was uns biografisch erwartet. Es stehe nirgendwo, welche Konflikte und Probleme, aber auch wie viel Glück wir haben werden, wenn wir älter werden.

Gesundheit und Leben sind laut Keil eine große biografische Herausforderung. Diese findet in hoch unterschiedlichen Lebenswelten statt. Man finde überall ganz unterschiedliche soziale Lebenskulturen, in denen Menschen leben und damit entweder einen Status erreichen, wo sie das Gefühl haben, das reiche bis ins hohe Alter oder aber, dass sie in die verschiedensten Formen von Armut geraten werden. Armut im Alter, aber auch als Kind und Jugendlicher bedeute aber nicht immer, kein Geld zu haben. Es sei ein enormes Risiko, eine enorme Herausforderung, aber auch die einzige Chance, die wir im Leben hätten, auch älter zu werden.

Das Zeitmanagement

Eine wichtige Frage sei, wie man mit dem Zeitbudget umgehe und sich frage: „Wie ist meine Seele, mein Geist, wie sind meine sozialen Beziehungen mit der Zeit und dem Zeitmanagement erfüllt?“ Warten gehöre zu einem wichtigen Aspekt der Zeitmanagements im Alter, so Keil.

Das Älterwerden als biografischer Prozess

Das Älterwerden sei ein biografischer Prozess, der immer zwischen Gesundheit und Krankheit stattfinde. Den wir haben, so Keil, trotz des medizinischen Fortschritts noch keine einzige Krankheit abgeschafft. Was wir können, sei das Leben zu verlängern. Man könne Symptome und Schmerzen lindern, nicht aber die Krankheit abschaffen. Der Mensch selber sei fragil und verletzlich, oft in der Zerbrechlichkeit stark. Man sehe es, wenn sich Menschen trotz höchster Beeinträchtigung noch auf die Beine stellen. Laut Keil leben wir als Menschen in einer bedrohten, aber auch immer wieder in einer beglückenden Existenz. Man wisse es nicht vorher, wie es sein werde - sondern sei immer auf dem Weg und es bestehe der Wunsch, möglichst lang selbstbestimmt zu leben.

Gesundheitsförderung bedeute, dass man auch dort, wo Beeinträchtigungen bestehen, eine Prävention erhalte. Das Leben sei ein Bewegen in der Fremde: Wenn wir uns bewegten, dann lernten wir das Leben kennen. Zukunft sei unvorhersagbar. Wir seien in diese Existenz geworfen, und was da in unseren Beziehungen auf uns zukomme, sei eine entscheidende Frage - auch das, was wir an Autonomie und Selbstbestimmung lernen.

Familie ist nicht nur ein Gesundheitsfaktor

Familie sei nicht nur ein Gesundheitsfaktor, erläutert Keil: Man wisse, dass Arbeitskonflikte manchmal eine geringere Wirkung hätten als Familienärger. Man sehe das als großes Drama präventiver Arbeit, beim Älterwerden. Es sei mitunter die Enttäuschung darüber, wer von der Familie nicht da ist, nicht für einen sorge, wenn man Hilfe benötigt.

Was ist seelische, geistige, soziale, spirituelle Gesundheit? Wenn wir nur sagen würden, dass gesund sei, wer medizinisch gesehen ohne Befund sei, wäre das eine reduktionistische Begriffserklärung, aber viele seien oft mit sehr viel Anstrengung nur darauf konzentriert.

Wesentliche Teile dessen, was den Körper gerade dann, wenn er verletzt ist, auch am Leben erhalte und noch gesund erscheinen lasse, seien ja nur die anderen Anteile unserer Existenz: „Wenn Sie medizinisch, geistig und sozial ohne Befund sind, dann sind sie eine Pappnase und nicht geistig gesund“, meint Annelie Keil.

Älterwerden als großer biografischer Auftrag

Was kann ich mehr, wovon weiß ich mehr, welche Vorzüge hat das Älterwerden? Älterwerden ist die Grundstruktur allen Lebens - d.h. der Zeitrahmen ist im Ganzen begrenzt, so Keil. Wieviel Kraft brauche ich um meine Zeit einzuteilen? Ab wann brauche ich für etwas mehr Zeit, wie mutig waren wir in der Schule, was haben wir geistig getan? Was ist Lust zu denken und mitzudenken?

„Wir haben die Schule leider zu einer Horrorvorstellung gemacht“, erklärt Keil. Das Leben verabrede sich nicht mit uns, wir müssten uns mit ihm verabreden. Das Leben frag nicht: „Hast du Zeit für einen kurzen Herzinfarkt oder sollen wir noch zehn Jahre warten?“ In Sachen Liebe sei es ähnlich: Die großen Ereignisse - wie Heirat, Krankheit- etc. - seien die Herausforderungen. Im sozialen Kontext würden wir in eine Familie hineingeboren. Es seie eine Reise im Dschungel der sozialen Verhältnisse, weil das Leben eine lange emotionale Entwicklung brauche, meint Annelie Keil.

Ungefragt

Man komme ungefragt zur Welt. „Wenn Sie auf der Welt sind, kommt die Sinnfrage. Das ist eine der großen Herausforderungen - ein Kernpunkt der Gesundheit. Burnout, Depression, in denen der Sinnverlust schon sehr früh zuhause ist“, umschreibt Annelie Keil den Verlust an Sinn heute.

Man komme ungefragt in eine Familie. Man suche sich den Geburtstag nicht aus. Man werde Zeitzeuge mit der Geburt. Gesundheitsförderung nach dem Krieg sei anders gewesen als heute. Man werde in ein Land geboren. Das habe man sich nicht ausgesucht - andere hingegen würden als Flüchtlinge durch Staate rennen. Wir sind laut Keil ein biografisches Überraschungsei. Es gebe keine Chancen, die nicht in dieser Struktur des Lebens seien. Seit es Menschen gebe, gestaltetenn sie sich das Leben. Interesse sei eines jener großen Gefühle, das uns mit uns selbst aber auch mit anderen in Verbindung bringe - denn ohne diese Gefühle könnten wir nicht leben, schließt Prof. Annelie Keil.

Vortrag in Bregenz

Prof. Annelie Keil hat diesen Vortrag beim Internationalen Bodenseekreis für Gesundheitsförderung und Prävention in Bregenz gehalten.

Zur Person

Annelie Keil ist eine deutsche Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin. Sie promovierte 1969 über das Thema der staatlichen Subvention von Jugendbildung und arbeitete anschließend als Akademische Rätin an der Universität Göttingen. 1971 war sie an der Gründung der Universität Bremen beteiligt und wechselte als Professorin für Sozial- und Gesundheitswissenschaften in die Hansestadt Bremen. 2004 wurde sie emeritiert.

www.anneliekeil.de

Musik

CD THE KÖLN CONCERT - KEITH JARRETT
S. Keith Jarrett/Piano

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