B. Hadinger: Gleich und gleich oder Gegensätze?

Dr. Boglarka Hadinger spricht in der Sendung „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema: „Gleich zu gleich gesellt sich gern - oder: Gegensätze ziehen sich an?“

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 25.5.2013

Hinter die Feststellung " Gleich zu gleich gesellt sich gern - oder Gegensätze ziehen sich an", setzt Boglarka Hadinger ein Fragezeichen.

Offenbar ist das zueinander gesellen von ähnlichen Menschen befragbar und keineswegs eine klare Sache.
Es überrascht nicht: Es ist oft ein Geheimnis und es bedarf des intensiven Nachdenkens und Nachfühlens, was Menschen verbindet und interessanterweise manchmal letztlich auch wieder trennt.

Boglarka Hadinger
Institut für Logotherapie und Existenzanalyse
Dr. Boglarka Hadinger

Die Anziehung der Gegensätze

„Wir tendieren dazu, zuerst den anderen Menschen unendlich anziehend zu finden - und zwar den Menschen, der auch unsere Gegensätze, unsere gegenteiligen Positionen lebt und dann passiert mit der Zeit etwas Interessantes: Der Sparsame denkt sich, seine Partnerin gibt doch so kreativ das Geld aus, also muss ich sparen und die Kreative wiederum denkt sich, der spart eh so, da kann ich es auch ausgeben,“ gibt Boglarka Hadinger ein Beispiel für gegensätzliche Haltungen in Partnerschaften.

Verbundenheit ein Lebensthema

Die Frage der Verbundenheit zwischen uns Menschen sagt Boglarka Hadinger, sei für sie ein Lebensthema. Sie frage sich, was es sei, was es ausmache, dass Menschen sich manchmal über einen langen Zeitraum für etwas einsetzten? Vielleicht für etwas, das unsere Welt heller und heiler macht?

Es sei also ein Tun, das für die Beteiligten Sinn mache. Egal ob in Partnerschaften, Familien, Gruppen Unternehmen oder in Staaten -
man schließe sich zusammen und schaffe Räume, wo Menschen aufeinander bezogen sind und miteinander ihnen gestellte Aufgaben in Angriff nehmen und bewerkstelligen. Boglarka Hadinger zitiert ihren Lehrmeister Viktor Frankl, der Mann mit der KZ-Erfahrung, der die Sinnfrage über die Logotherapie ausdrückte: „Auch wenn es anders aussieht, ich habe die Logotherapie nicht erfunden, sondern ich habe sie gefunden, bei Menschen die ihr Leben bewältigt haben, trotz aller Schwierigkeiten und Barrieren in ihrem Leben.“

Gegensätze beleben eine Beziehung

Die Frage des Anziehens von Gegensätzen befragt Boglarka Hadinger aus der Perspektive der Psychologie. Wenn die Antwort bei gegensätzlichen Sichtweisen nicht entschieden ist, liegt die Antwort bei beiden. Die unterschiedlichen Charaktere und Wesenszüge machen den vitalen Charakter einer Beziehung, einer Familie aus. Wehe dem also, der versucht alle gleich zu machen, alle einem Ideal entsprechend zu formen. " Richtig gute Teams brauchen ein unterschiedliches Gesicht, einen unterschiedlichen Charakter und ein etwa ähnliches Reife- und Kultiviertheitsniveau sowie ein ähnliches Wertesystem vorhanden ist. So ertragen und ergänzen wir uns überraschend lang, sonst gehe Beziehung schief, ergänzt die Psychotherapeutin.

Charakter und Persönlichkeit

Wie wurden wir zu der Person, die wir sind? Wie zeigt sich der Charakter eines Menschen? Ist Charakter die Form unserer Psyche, zu der wir uns unser Leben lang hin- entwickeln oder ist der Charakter mehr oder weniger angeboren? Oder wird der Charakter durch Einflüsse wie Umwelt, Erziehung und Schicksal bestimmt?

Zur Klarstellung trennt Boglarka Hadinger Charakter und Persönlichkeit: Beide Begriffe begleite in der Literatur eine große Konfusion. Menschen mit unterschiedlichen Charakteren ziehen sich an. Der Charakter könnte schematisch eine ganz einfache Zeichnung, ein Scherenschnittprofil sein. Wesenszüge früh erkennbar Wesenszüge sind schon sehr früh erkennbar. Das eine Kind ist temperamentvoll, das andere nimmt sich eher zurück, beobachtet lange und teilt alles. Diese Charakterseiten und Anlagen prägen auch den erwachsenen Menschen und sind für die Entwicklung und sein Wahrnehmen der Welt wichtig.

Was kann man an einem Menschen in Bezug auf einen seiner Wesenszüge „er-spüren“? Für Hadinger ist am Temperament erspürbar, ob jemand schnell zu begeistern ist oder eher besinnlich. Ob jemand seine Sachen rasch angeht oder zögerlich? Auch die Lebensthemen formen einen Menschen - diejenigen, die einem Menschen immer schon wichtig waren, auch die Sprache, zu der sich jemand hinzugezogen fühlt. Dazu gehört auch der Arbeitscharakter.

Gegensätze ziehen sich an

„Wir verlieben uns in jenen Menschen, der auch ein Stück des Gegenteiligen von uns lebt. Das sehen wir am Temperament, an den Themen, zu denen man sich hingezogen fühlt, wie jemand eine Aufgabe angeht, wir sehen das am Sprachstil. Die Stilfrage ist nicht reduzierbar auf Kleidung, sondern es gibt auch einen Denk- und einen Problemlösungsstil oder einen Streitstil,“ umschreibt Boglarka Hadinger die verschiedenen Ausformungen der Wesenszüge, die uns anziehen können.

Jedenfalls finden wir Menschen anziehend, die in ihrer Grundtendenz anders sind als wir. Wenn sich solche unterschiedlichen Menschen zu einem Team finden, kann das sehr spannend werden, weil dann hat der eine Idee, der andere eine gute Zielorientierung, einer ist der Nachdenkliche und der vierte Partner sorgt dafür, dass das Team möglichst lange zusammenbleibt.

Die Charakterbildung kann auch behindert werden, weil es auch Blockaden geben könne wie Angst, Verwöhnung, Manipulation durch Zeitgeisttendenzen oder Trägheit, ergänzt Hadinger.

Zur Person

Dr. Boglarka Hadinger ist Dipl.- Psychologin, Psychotherapeutin und Coach für Persönlichkeitsstärkung. Sie leitet das Institut für Logotherapie und Existenzanalyse in Tübingen und Wien. Boglarka Hadinger ist Dozentin an der Sigmund-Freud-Universität Wien und an der Pädagogischen Hochschule Kärnten. Zudem ist sie die Begründerin der Initiative für menschenfreundliche Architektur und Stadtgestaltung.

Literatur:

Boglarka Hadinger. Mut zum Leben machen.
Verlag Lebenskunst

Wolfram Kurz und Boglarka Hadinger. Sinnvoll leben lernen.
Verlag Lebenskunst

Musik

Konzert in Erinnerung an Günther Voglmayr
Tango loco

Konzert in Erinnerung an Günther Voglmayr
Oblivion

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