„Das verletzte Selbst - Persönlichkeitsstörungen“

Dr. Christoph Kolbe aus Hannover spricht in der Sendung „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema „Das verletzte Selbst - Persönlichkeitsstörungen“.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 17.5.2013

Persönlichkeitsstörungen nehmen zu - das sagen Fachleute. Man hört von einsamen Menschen, die ihre Wohnung vermüllen, von nervösen Menschen, die ihre Haut malträtieren oder von Angestellten, die nicht mehr arbeiten können, weil sie Angst vor dem Arbeitsplatz haben. Dazu meint Christoph Kolbe, man höre oft von Themen dieser Art, nur müsse eine Marotte oder Macke noch keine anhaltende Störung sein - sie könne sich aber auch sehr verschieden zeigen.

Fragestellungen

Wie entstehen Persönlichkeitsstörungen und „das verletzte Selbst“? Wie kommen sie zustande, was kann das mit mir zu tun haben, was passiert, dass man sich in seinem Innersten gestört empfindet, wie kann sich das äußern und wie kann man solche Selbststörungen therapeutisch behandeln?

 Christoph Kolbe, Hannover
privat
Christian Kolbe

Einbettung in die menschliche Existenz

Es liege ihm daran, diese Persönlichkeitsstörungen nicht nur zu beschreiben, sondern ihm liege auch an einer Einbettung in die menschliche Existenz. Kolbe verweist dabei auch auf seine Erfahrung als Tiefenpsychologe.

Die Persönlichkeitsstörung

Bei einer Persönlichkeitsstörung ist diese Struktur „verbogen“ und starr. Deshalb hat dieser Mensch nur einen sehr engen Spielraum für seine Lebensgestaltung. Zum Ausmaß von psychischen Störungen merkt Christoph Kolbe an, dass es aufgrund von Mangel oder Verletzungsgenesungen drei Formen gebe: „Normalneurose“, Neurose und letztlich die Persönlichkeitsstörung.

Die Abweichungen gegenüber der Mehrheit

„Diese Störungen umfassen tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen. Dabei findet man gegenüber der Mehrheit der betreffenden Bevölkerung deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in Beziehungen zu anderen", so Kolbe.

Die Verhaltensmuster

Solche Verhaltensmuster seien meistens stabil und würden sich auf vielfältige Bereiche von Verhalten und psychischen Funktionen beziehen. Häufig würden sie mit persönlichem Leiden und gestörter sozialer Funktionsfähigkeit einher gehen.

"Persönlichkeitsstörungen beginnen in der Kindheit oder Adoleszenz und dauern im Erwachsenenalter an“, so Kolbe. In ihrer Häufigkeit sind ca. 10 Prozent in der Allgemeinbevölkerung und ca. 40 - 50 Prozent in psychiatrischen Kliniken davon betroffen.

Die Grundmotivationen

Die Berücksichtigung der grundlegenden Bedürfnisse und Strebungen des Menschen bilden den Ausgangspunkt der personalen Voraussetzungen, mit denen der Mensch in der Welt steht.

Es lassen sich folgende Themen beschreiben, die psychisch und existentiell für jeden Menschen von zentraler Bedeutung sind. Die Existenzanalyse nenne sie Grundmotivationen:

1. Die Basis für eine Geborgenheit des In-der-Welt-seins gründet zunächst in der frühesten Erfahrung, geliebt und angenommen worden zu sein: Grundwert als Eigenwerterfahrung

2. Die Erfahrung der Einzigartigkeit. Hier geht es um den Wert des So-Seins. Sich selbst liebevoll und in Respekt verbunden zu sein: Legitimation und Rechtfertigung

3. Die Erfahrung und das Wissen um das eigene Können, das eigene Vermögen, die Leistung.

Menschen mit einem guten Selbstwert können sich also gemäß ihrer Fähigkeiten und Begabungen und gemäß ihrer Möglichkeiten in Beziehung setzen zu aktuell als wertvoll erlebten Möglichkeiten. Gleichzeitig fundiert ein solches Verhalten den Selbstwert.

Welche Beziehungen und Bedingungen hat ein Mensch auf seinem Weg ins Leben vorgefunden, die es ihm ermöglichten, einen guten Selbstwert aufzubauen?

Und: Ein Leben lang können wir an einem guten Selbstwert arbeiten! Auch dann, wenn die eigene Geschichte unglücklich gelaufen ist.

Menschen mit Selbststörungen sind intensiv

Allen Selbststörungen sei eigen, dass diese Menschen mit ihrem spezifischen Selbst, ihrem „So-Sein“ nicht selbst sein können. Deshalb handle es sich um eine Störung des Selbstseins, -werdens und -wertes.

Menschen mit diesen Störungen erscheinen oft als dramatisch, emotional oder launisch. Es ist immer sehr intensiv. Das ist in der Begegnung mit ihnen nicht immer leicht auszuhalten.

Umgang mit der Verletztheit

Man müsse die Verunsicherung sehen und annehmen, so Kolbe. So könne man Zugang zum Schmerz bzw. zur Verlorenheit finden.

Er möchte nicht nur von der Seele reden, sondern auch zu ihr sprechen, saget der Refernt in der Remise in Bludenz.

„Von der Seele reden“

Dr. Christoph Kolbe hat diesen Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Von der Seele reden“ der sozialpsychiatrischen Dienste des Arbeitskreises für Sozialmedizin in der Remise in Bludenz gehalten.

Zur Person

Dr. Christoph Kolbe: seit 1992 Psychotherapeutische Praxis, Vorstandsmitglied und Ausbildungsleiter Deutschland der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse, Wien seit 1995 Gründung und Leitung des Norddeutschen Instituts für Existenzanalyse und Logotherapie, Hannover. Seit 1999 Approbation als Psychologischer Psychotherapeut nach dem Psychotherapeutengesetz Deutschland; Arztregistereintragung für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie seit 2001 Gründungsvorsitzender der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse in Deutschland e.V. (GLE-D) und Präsidiumsmitglied der GLE-International seit 2002 Leitung der Akademie für Existenzanalyse und Logotherapie - Berlin, Hannover, Hamburg seit 2004 Lehrbeauftragter der Universität Wien mit Vorlesung und Seminar „Authentisch lehren“ am Institut für Bildungswissenschaft seit 2005 Lehrbeauftragter der Leibniz-Universität Hannover im Fachbereich Erwachsenenbildung

Musik

CD MOSAIC, Eric Satie Cascade

CD Sechs Gnossiennes für Klavier, Eric Satie

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