„Sterbehilfe - Angst vor dem Dammbruch?"

Univ.Prof.Dr. Walter Schaupp (Graz) und Dr. Otto Gehmacher, leitender Oberarzt in der Palliativstation des Krankenhauses Hohenems, sprechen in der Sendung „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema Sterbehilfe.

Die Sendung zum Nachhören:

Der assistierte Suizid - das Recht auf den eigenen Tod

Sendungshinweis:

„Focus“, 23.3.2013

Autonomie und Freiheit gelten derzeit als zentrale moralische und anthropologische Werte. Mit dem Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben wird folgerichtig auch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod gefordert. Dieser Anspruch findet jedoch dort seine moralische Grenze, wo die Rechte anderer und wo wichtige gemeinsame Güter verletzt werden.

Auf diesem Hintergrund lässt sich auf einer individualethischen Ebene, unabhängig von Weltanschauung und Religion, kaum ein Einwand gegen den assistierten Suizid erheben, noch dazu, wo es sich meist um nachvollziehbare menschliche Grenzsituationen handelt.

Walter Schaupp
W.Schaupp/ Uni Graz
Walter Schaupp

Was steht auf dem Spiel?

Es steht erstens die Frage im Raum, ob auf gesellschaftlicher Ebene, wo Rechte anderer und gemeinsame Güter auf dem Spiel stehen, die Freigabe des assistierten Suizids nachhaltig ohne Beschädigung von Humanität möglich ist.

Hier geht es zunächst um die verschiedenen bekannten Ausweitungstendenzen, wie zum Beispiel Suizid bei psychischen Erkrankungen oder bei drohender Demenz, und die Frage, inwieweit Alte, Kranke und Sterbende langfristig nicht unter Druck geraten.

Sprachliche Verschleierung

Übersehen wird jedoch meist das Phänomen, dass Tötungshandlungen ein spontaner, negativer Symbolwert zu eigen scheint, der bewirkt, dass sie sprachlich verschleiert, auf andere Weise aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt oder rituell eingebettet werden.

Die Grundoption für das Leben

Trifft dies zu, wird ein gesellschaftlicher
Umgang mit Sterben und Tod, der ohne solche Handlungen auskommt, langfristig humaner sein. Schließlich gibt es gute Gründe, dass Gesellschaften von sich aus eine Grundoption für das Leben treffen müssen, dem Freiheitsethos vorausgeht.

Vorstellungen von einem guten Tod

Jenseits des Streits um gesetzliche Regelungen geht es zweitens um einen Konflikt verschiedener Vorstellungen von einem guten Tod. Die Logik der Auseinandersetzung ist hier eine andere - es geht um die spontane und nachhaltige innere Überzeugungskraft von Lebensentwürfen und - Vorstellungen: Welcher Umgang mit Sterben und Tod bewährt sich hier langfristig und aus sich selbst heraus als " human"? Auf dieser Ebene werden sich Gesinnungs-gemeinschaften wie die Kirche überzeugend engagieren müssen, um nicht ständig nur als negative Kraft des Protests gegen gesetzliche Veränderungen in Erscheinung zu treten.

„Die Angst vor unterträglichen Schmerzen“

„Solange Patienten unerträgliche Schmerzen haben, wollen sie sterben. Wenn die Schmerztherapie greift, wollen sie leben“, betont Oberarzt Dr. Otto Gehmacher von der Palliativstation Hohenems.

Gehmacher
LKH Hohenems
Otto Gehmacher

An erster Stelle stehe immer die Frage, woher die Schmerzen kommen. So simpel diese Frage klingt, so ist es doch die Basis einer effizienten Schmerztherapie. Nicht jeder Schmerz sei tumorassoziiert, im Gegenteil, viel häufiger liegen die Schmerzen in lebensgeschichtlichen Ereignissen begründet - zum Beispiel in soziale Faktoren wie finanziellen Ängsten, der Verlust des Arbeitsplatzes, Einsamkeit etc. Seelische Ursachen seien ungelöste Konflikte, Traumata in der Kindheit etc. oder spirituelle Gründe, wie die Frage nach Schuld, Krebs als Strafe Gottes, das Hadern mit Gott - warum bekomme gerade ich Krebs etc.

Das „total pain“ Konzept von Cicely Saunders trägt diesen vielfältigen Ursachen von Schmerz Rechnung. Die ärztliche Kunst sei es, durch eine ausführliche Anamnese herauszufinden, wie der individuelle Schmerz eines Patienten am besten behandelbar sei, schließt der Palliativmediziner Otto Gehmacher.

Die Vorträge wurden beim Palliativsymposium vom 8./9.März 2013 im Bildungshaus Batschuns aufgezeichnet.

Walter Schaupp

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. theol. Walter Schaupp wurde mit Entschließung des Bundespräsidenten mit 1. September 2003 zum Universitätsprofessor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät ernannt.

Walter Schaupp wurde am 1954 in Kirchberg am Wagram, Niederšsterreich, geboren. Nach dem Studium der Medizin in Innsbruck und Wien folgte ein Jahr als Turnusarzt im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. Von 1979 bis 1986 absolvierte Schaupp das Theologiestudium in Wien und Rom, 1985 wurde er zum Priester geweiht. 1993 promovierte er im Fach Moraltheologie an der Universität Wien im Bereich medizinischer Ethik.

Otto Gehmacher

Der gebürtige Salzburger ist Leitender OA an der Palliativstation Hohenems. Er studierte Medizin an der Uni Innsbruck und ist Facharzt für Innere Medizin.

Musik

Secret Gardens & natural sciences, Didier Malherbe

Good Intentions, Vanessa

Secret Garden Peau de danane, Didier Malherbe

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