Fabienne Becker-Stoll: Bindung und Vertrauen von Kindern

Entwicklungspsychologin Fabienne Becker-Stoll leitet das bayerische Staatsinstitut für Frühpädagogik und spricht in der Sendung Focus von ORF Radio Vorarlberg über das Thema einer liebevollen Zuwendung der Eltern.

Urvertrauen

Deine Augen zu sehen und dein Lächeln
deine Hand zu spüren und
deine wortlose Stimme in mir
lassen einfach alles gut sein

(Gedicht von Stefanie Bienieck)

Das Gedicht treffe es auf den Punkt, sagt Fabienne Becker-Stoll: „Wenn ein Kind in den ersten Lebensjahren liebevolle, feinfühlige Zuwendung von den Eltern bekommt, dann entwickelt es ein positives Bild von sich und der Welt. Von sich als liebenswert und von den anderen Personen als hilfsbereit und verlässlich.“ Das seien Dinge, die unbewusst und im Innern eines Menschen stattfinden, sagt Becker-Stoll.

Vertrauen oder Misstrauen in der ersten Lebensphase

Becker-Stoll beruft sich eingangs auf die Forschungsergebnisse des deutsch-amerikanischen Psychoanalytikers Erik H. Erikson. Er entwickelte sein berühmt gewordenes Stufenmodell, das die Entwicklung des Menschen von seiner Geburt an bis zum Tod in acht Phasen untergliedert. Für ihn ist die erste Lebensphase jene, in der Urvertrauen oder Misstrauen entsteht.

„Das Baby erwirbt in dieser Phase das Grundgefühl, auf welche Menschen und Situationen es sich verlassen kann. Dieses verinnerlichte Gefühl wird zum Grundgefühl, das eben ein Vertrauen oder Misstrauen sein kann“, erläutert Becker-Stoll.

Sendehinweis: „Focus“, 09.03.2013 von von 13.03 bis 14.00 Uhr

In sichere Bindung investieren

„Es lohnt sich in die frühe sichere Bindung der Kinder zu investieren, aber es ist mit dem ersten Lebensjahr noch nicht alles fertig“, macht die Bindungsforscherin auf die Möglichkeiten der Entwicklungspsychologie aufmerksam.

Wer nicht das Glück hatte eine sichere Bindung aufzubauen, kann dies auch später durch positive Erfahrungen nachholen.

„Man ist nicht im ersten Jahr gebunden und bleibt es für immer oder ist es nicht und wird es nie mehr werden“, verdeutlicht Becker-Stoll nochmals die Offenheit des Systems.

Das Fundament für das spätere Leben

„Die Hirnforschung hat Säuglinge und Kleinkinder zu erstaunlich cleveren Entdeckern in Windeln erklärt“ , zitiert Fabienne Becker-Stoll. Lange galten Babys und Kleinstkinder als Wesen, die nicht viel wissen und noch weniger können. Sie schlafen, nuckeln, brabbeln, schreien, pinkeln und strampeln halt, eine Art lebendiges Gemüse, und irgendwann lernen sie laufen und sprechen.

"Doch gerade die Hirnforschung hat dieses Bild in den vergangenen drei Jahrzehnten komplett revidiert. Jetzt sei vom „kompetenten Säugling“ und vom „Forschergeist in Windeln“ die Rede, und die ersten drei Lebensjahre des Menschen gehörten zu den wichtigsten überhaupt: hier wird das Fundament für das spätere Glück, Können und den Erfolg im Leben gelegt, verweist Fabienne Becker-Stoll auf Untersuchungsergebnisse ihrer Forschungen.

Die prägenden Jahre

„Diese ersten Monate und Jahre sind im buchstäblichen Sinne prägend“, sagt die Entwicklungspsychologin Fabienne Becker-Stoll, die das bayerische Staatsinstitut für Frühpädagogik leitet, „denn die Erfahrungen, die ein Kind dann macht, bestimmen die Ausformung seines Gehirns.“ Für Eltern können die Erkenntnisse über die erstaunlichen Fähigkeiten und rasanten Lernprozesse ihres Nachwuchses beglückend sein.

Gute Elternschaft bedeutet intensive Beschäftigung

Gute Elternschaft bedeute darum vor allem, sich im Alltag intensiv mit seinen Sprösslingen zu beschäftigen. „Wer feinfühlig auf die Bedürfnisse der Kleinsten reagiert, ihnen liebevollen Körperkontakt angedeihen lässt, viel mit ihnen spricht und sie anschaut, wer sie lobt, ermutigt und spüren lässt, dass sie verstanden werden, der vermittelt seinen Kindern eine Geborgenheit und verlässliche Bindung, die ihnen eine Grundsicherheit in der Welt gibt,“ schließt die Psychologin.

Diesen Vortrag haben wir im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wertvolle Kinder“ im Kinderdorf Vorarlberg aufgezeichnet.

Zur Person:

Dr. Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) Forschungsschwerpunkte: Bindungsentwicklung von der frühen Kindheit bis zur Adoleszenz und zum Erwachsenenalter Bindungsstörungen und Desorganisation von Bindung in der frühen und mittleren Kindheit Anpassung an altersspezifische Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz Qualität und Stabilität der Bindungsrepräsentation bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Mehr zur Person...

Musik:

CD Horowitz- Kinderszenen

CD Kindersymphonie.Leopold Mozart

CD Suite für Kinder.Chon Liao

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