Kirche: Schieflage oder Chance?

Univ.-Prof. Dr. Rainer Bucher spricht in der Sendung Focus von ORF Radio Vorarlberg über das Thema: „Bleibt wirklich nichts, wie es war? Die katholische Kirche zwischen herber Schieflage und Chance“.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 2.3.2013

Der Rücktritt des Papstes wirbelt auf

Wie der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber weiß, ist der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. der fünfte freiwillige in der Papstgeschichte.

Benedikt XVI. hat laut der Einschätzung des Wiener Kirchenhistorikers bereits seit 2009 mit dem Gedanken eines Amtsverzichtes gespielt.

Das Indiz dafür sieht Klieber darin, dass der abgetretene Papst zweimal in seiner Amtszeit zum Schrein Coelestins V. gepilgert sei und damit wohl nicht zufällig einem jener vier Amtsvorgänger seine Reverenz erwiesen habe, die den Stuhl Petri freiwillig abgaben.

Der Mittelalter-Papst habe ebenfalls als Hochbetagter „die Bürde des Amtes sowie auch den Überdruss, dass er nicht mehr die Kraft und den Willen hat, sich dem zu stellen, gespürt“.

Rainer Bucher
Rainer Bucher
Rainer Bucher

Von allen Seiten fand die Entscheidung Benedikts XVI. größten Respekt und machte andererseits mit allen zuletzt bekannt gewordenen Gerüchten um „Vatileaks“ und andere Skandale in der Kardinals-Kurie deutlich, wie sehr die katholische Kirche in eine Schieflage geraten ist und der Papst sich nicht mehr in der Lage sah, beim ins Wanken geratene Schiff ordnend einzugreifen.

Verlust der Macht trifft Kirche hart

Die katholische Kirche sei in keinem guten Zustand, konstatiert der Pastorlatheologe Rainer Bucher aus Graz. Sie lerne gerade die eigene Botschaft jenseits der Macht früherer Zeiten zu vertreten. „Seit der Spätantike hatte die Kirche die Macht über alles, was für dem Menschen wichtig war: über das Wissen, die Gesellschaft und über die Moral; in derselben Reihenfolge habe sie die Macht verloren. Seit dem Missbrauchsskandal verliere die Kirche die Macht über die Moral der Menschen.“

Das treffe sie hart, so Prof. Bucher, weil sie lange von der instituionellen Macht gelebt habe. Mit der Macht habe sie lange und stolz den Stürmen der Zeit widerstanden getrotzt.

Religion für die Lebenswenden

Die Gesellschaft erlaube dem Einzelnen die religiöse Selbstbestimmung, jenseits von Institutionen, die auf Monopol, auf Dauer und auf biografische Mitsprache bestehen, umreißt Prof. Bucher die Aufgabenstellung und Herausforderung an seine Kirche. „Das bedeutet auch einen fundamentalen Herrschaftswechsel. Früher war es selbstverständlich, dass Religion das Leben der Menschen- vom Anspruch her- bestimmte. Heute regiert keine Religion mehr selbstverständlich.“ Es sei genau umgekehrt.

Kirche: von der Macht auf den Markt

„Biografische Lebensbedürfnisse entscheiden darüber, ob Menschen kirchliche Räume, kirchliche Orte, religiöse Inhalte bespielen. Religion entscheidet nicht mehr über Biografie, sodnern biographische Bedürfnisse entscheiden über Religion. Die Kirche ist unter den Zustimmungsvorbehalt ihrer eigenen Mitglieder geraten“, beschreibt Prof. Bucher den Wandel im Bewusstsein der Menschen.

Kirche werde heute nur noch von 25 Prozent der Katholiken so wahr- und angenommen, wie es sich die Kirche vorstelle, so Bucher. 30 Prozent seien austrittswillig bzw. austrittsbereit; sie brauchten nur einen Anlass, um austreten. 50 Prozent nutzten Kirche nur noch an ihren großen Lebenswenden, wie Geburt, Hochzeit, Tod.

Die „winterliche“ Kirche

„Ich kann Ihnen nicht vormachen, dass die Kirche im Aufbruch, in einer dynamischen, geisterfüllten Phase ihrer Existentz ist: das ist sie nicht. Ich kann keine Show abziehen und ihnen für eine Stunde eine Stimmung vormachen, dass es so sei, wie es früher einmal war“, umreißt Prof. Bucher die momentane Lage in der katholischen Kirche.

„Wir sind in einer Zeit, in der diese Kirche winterlich ist.“ Diese Aussage des Theologen Karl Rahner treffe die Situation auf den Punkt.

Trotzdem könne, ob des Bemühens vieler haupt- und ehrenamtlicher Menschen, nicht gesagt werden, die Kirche befinde sich in einem verrotteten Zustand. Auch das treffe die Sache nicht, sagt der Pastoraltheologe. Trotzdem: was früher für die Mitgliedschaft gereicht habe, gelte heute nicht mehr.

Gleichzeitig könne man mit den guten Erfahrungen von GESTERN nicht in die Zukunft gehen. Keine Ehe lasse sich unter den guten Erfahrungen der Vergangenheit führen; man müsse nahe an den Lebensentwürfen der Menschen die Antworten der Kirche aus dem Glauben suchen: durch Lernen und Zuhören, wie es das Zweite Vatikanische Konzil proklamiert habe.

Diesen Vortrag haben wir anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der katholischen Pfarre Wolfurt im November 2012 aufgezeichnet.

Zur Person:

Univ.-Prof.Dr. Rainer Bucher (www.rainer-bucher.de) ist seit dem 1. Januar 2000 Vorstand des Instituts für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz.

Publikationen

Wenn nichts bleibt, wie es war. Zur prekären Zukunft der katholischen Kirche. Echter, Würzburg 2012

Priester des Volkes Gottes: Gefährdungen - Grundlagen - Perspektiven. Echter, Würzburg 2010

Musik

The Rose. Bette Midler
The Entertainer, Marvin Hamlish

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