Heinrich Everke zur „Befreiung vom Diät-Wahn“

Bei der „Focus“-Sendung von Radio Vorarlberg spricht Allgemeinmediziner Dr. Heinrich Everke aus Konstanz über das Thema „Der Stress mit dem Abnehmen – Die Befreiung vom Diät-Wahn“.

Die Sendung zum Nachhören:

Kennen`s den Fresspunkt?

Sendungshinweis:

„Focus“, 20.12.2012

Vor mehr als zwanzig Jahren im Weißen Rössl am Wolfgangsee hat Heinrich Everke an einer Akkupunktur-Tagung der österreichischen und der deutschen Ärztegesellschaft teilgenommen - dort empfahl ein Arzt bei der Akkupunktur auf den Fresspunkt zu achten. „Wenn der Patient an einem bestimmten Punkt am Ohr gestochen wird, habe er keinen Hunger mehr“, erinnert sich Heinrich Everke. Er hat diese Erkenntnis mit in seine Konstanzer Praxis genommen und den Versuch bei Patienten unternommen. Der Versuch des Abnehmens sei für einige Zeit gelungen und dann hätten die Patienten doch wieder zugenommen, merkt Heinrich Everke an.

Heinrich Everke
Nardelli Verlag
Heinrich Everke

Die Frage bleibe - so Everke -, warum manche Menschen einfach nicht abnehmen können? „Warum gehen 90 Prozent der Diäten schief? Warum nehmen Menschen drei bis vier Kilo ab, um dann dieselbe Menge wieder zuzunehmen?“

Der "Mäst-"versuch

Ein US-amerikanischer Arzt habe den Versuch unternommen, Menschen zu mästen. Er wollte wissen, was da passiert, schildert Heinrich Everke eine der vielen Versuche, das Gewichtsproblem zu studieren. "Die Probanden sollten ein halbes Jahr lang 10.000 Kalorien am Tag essen und sich nicht bewegen. Im Regelfall isst der Mensch am Tag ca. 2.500 Kalorien. Die Erkenntnis war, dass man das Essen trainieren kann. Je dicker die Gefangenen wurden, desto träger wurden sie auch.

Am Anfang hatten sie vielleicht noch das Bedürfnis sich zu bewegen, nach ein paar Wochen blieben sie aber sitzen und hatten keine Lust auf Bewegung mehr. Die gemästeten Gefangenen hatten nach 10.000 Kalorien am Tag nur 20 Prozent an Gewicht zugenommen. Diese Gefangenen mit einem Plus von 20 Prozent mussten mindestens 5.000 Kalorien essen, um ihr Gewicht zu halten - ganz im Gegensatz zu anderen Übergewichtigen, die genauso schwer waren, die nicht gemästet, sondern von Natur aus so schwer waren: Eben diese mussten nur 2.500 Kalorien essen. Die unnatürlich Dicken mussten sehr, sehr viel essen, um ihr Gewicht zu halten," beschreibt Heinrich Everke die Voraussetzungen und Erfahrungen in dieser Studie.

Die Folge, die man daraus ableitet kann, ist: Es gibt natürliche Dicke und gemästete Dicke.Die natürlichen Dicken erkennt man daran, dass sie wenig essen und trotzdem dick sind. Die gemästeten Dicken nehmen ab, wenn sie normal essen, sagt Ernährungsexperte Everke.

Woher kommt das Übergewicht?

Woher kommt das Übergewicht, wenn nicht vom Essen? Gibt es ein natürliches Übergewicht? Everke dazu: „Das gibt es und wird vererbt. Es sei immer gesagt worden, die Dicken unterscheiden sich von den Dünnen durch deren mangelnde Disziplin“. Das stimme nicht, sagt Heinrich Everke. Es gebe ein angeborenes Muster zum Übergewicht. Kinder aus Familien mit dicken Eltern könnten bei dünnen Pflegeeltern aufwachsen und trotzdem dick werden und Kinder mit dünnen Eltern bleiben bei dicken Adoptiveltern dünn. „Selbst bei voneinander getrennten Zwillingen stellte man das fest, dass sie sich entsprechend dem Muster ihrer Eltern entwickelten“, sagt Everke.

Man habe 36 Gen-Orte mit der Codierung des Gewichts gefunden. Der Körper lege offensichtlich seine Gewichtscodierung fest, sagt der Ernährungsexperte.

Muss ich überhaupt abnehmen?

Betroffene sollten ihre Chancen ausloten, empfiehlt Everke. Man sollte sich erst mal fragen, ob man überhaupt abnehmen muss. Die 40 Prozent mit Übergewicht in unserer Gesellschaft seien eine Zahl, die er als so nicht richtig bezeichnet. Aus medizinischen Gründen abnehmen müssten Menschen mit einem zu dicken Bauch, hohem Blutdruck und Diabetes. Wenn alle drei Faktoren zutreffen, dann ist dieser Mensch gefährdet, sagt der Konstanzer Mediziner.

Die großen Diät-Irrtümer

Dr. Everke klärt über die großen Diät-Irrtümer auf. Er sagt: „Den Menschen wird vermittelt, abnehmen sei notwendig und ganz einfach. Sie glauben dann, sie könnten allein durch Essen und Diät ihr Gewicht regulieren und übersehen, dass der Körper dazu eine eigene Meinung hat und es ihm völlig egal ist, was Sie denken. Er will ‚sein‘ Gewicht halten. Deshalb ist seine Kompromissbereitschaft sehr gering. Er boykottiert die Diät-Attacken und lässt nicht zu, dass wir unbegrenzt abnehmen,“ resümiert Dr. Everke. Wenn das Abnehmen nicht klappt, werden Menschen unzufrieden und werfen sich vor, sie seien nicht diszipliniert oder willensstark genug. Dr. Everke erklärt, warum Abnehmen keine Frage des Willens ist, was beim Abnehmen im Körper passiert, wie der Körper sein Gewicht reguliert, warum Diäten ungerecht sind und warum es bei manchen ruhig ein paar Kilo mehr sein dürfen.

Wir haben die Sendung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wissen fürs Leben“ im Festsaal der Arbeiterkammer in Feldkirch aufgezeichnet.

Zur Person

Dr. Heinrich Everke seit 1980 Arzt für Allgemeinmedizin in eigener Praxis in Konstanz. Er hat Zusatzausbildungen in Akkupunktur, chinesischer Medizin und Homöopathie in Sri Lanka, China und Vietnam absolviert.

Literatur

Heinrich Everke "Bauchfrei - Die besten Wege aus der Diät-Falle- warum nicht jeder abnehmen muss“. Nardelli Verlag, Reichenau

Musik

CD Orfeo von Thomas Ruetz Wolfgang Ambos, Idealgewicht Angelo Branduardi: La pulce d`acqua

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