„Die Psyche im Wandel von Zeit und Gesellschaft"

Univ. Prof. Dr. Reinhard Haller, Univ. Prof. Dr. Peter Hofmann, Univ.Prof. Dr. Herwig Scholz haben im Rahmen des Montagsforums im Funkhaus Dornbirn zum Thema „Die Psyche im Wandel von Zeit und Gesellschaft - über den Erfolgszwang, die Höchstleistungen, das Burnout und die Irrwege zum Glück“ gesprochen.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendehinweis:

„Focus“, 6.12.12

Der Kärntner Psychiater und Suchtforscher Herwig Scholz sieht den Quellgrund für Angst, Stress und Burnout in den überhöhten Anforderungen der Leistungsgesellschaft. Verlangt würden höchste Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft zur Selbstverleugnung gegenüber dem Kollektiv. Dieser ständige Druck von außen könne eine Kaskade der Selbstentwertung und Überanpassung auslösen, sagt Scholz.

Der Selbstwert

Der Selbstwert des Menschen sei nach Ansicht
von Scholz keine fixe Größe, sondern ein reaktionsbereites System, das ständig bemüht sei, unsere Selbsteinschätzung und unser Verhalten an aktuelle Gegebenheiten und Belastungen anzupassen. Das schütze in der Regel vor Selbstüberschätzung ebenso wie vor Selbstentwertung.

Läuft das Selbstwertsystem über lange Zeit
fehlerhaft, dann entstünden Depressionen und andere affektive Erkrankungen. Es komme eine Abwärtskaskade in Gang: Die Eigenständigkeit
schwinde, die Abgrenzung werde löchrig, anstatt den steigenden Anforderungen zu widerstehen
und sich dadurch vielleicht unbeliebt
zu machen, werde, so Prof. Scholz, die Leistung gesteigert - bis zu einem perfektionistischen Anspruch an sich selbst, der nicht zu erfüllen sei.

Das System der Selbstausbeutung

Prof.Peter Hofmann beklagt ein System der Selbstausbeutung, das wir in uns tragen. Viele Menschen neigten dazu, sich selbst zu überfordern.
Auf die Frage, wer vom Burnout besonders gefährdet sei, sagt Hofmann: " Das sind junge Frauen `um die 30` mit akademischem Abschluss, die Karriere machen wollen, aber gleichzeitig auch noch Mann und Kinder unter einen Hut bekommen wollen."

Die Einführung des Handys habe zu dem Glauben verführt, dass wir alle mehr miteinander zu tun hätten. Heute wissen wir, dass das Gegenteil
der Fall sei, so Peter Hofmann.
Es würden Millionen SMS täglich geschrieben, aber die unmittelbare Kommunikation fehle. Ein Verbot der neuen Kommunikationsmittel sei natürlich auch kein taugliches Mittel, so Hofmann.

Weiters würden bestimmte Grundwerte und Überzeugungen abgeschafft, wenngleich nichts Neues entstehe und die Menschen eigentlich ohne Halt seien, was sich zunehmend als großes Problem herausstelle.

Warum nehmen Angst und Depression zu?

Prof.Reinhard Haller meint, der Mensch habe in sich das Bedürfnis und die starke Sehnsucht nach paradiesischen Zuständen. Das sei archaisch, ein Urtrieb in uns.

Der Begriff des BURNOUT nennt Haller ideal, man müsse ihn nicht übersetzen. In den Begriff lasse sich sehr viel ein- und zuordnen: man denke an normale Erschöpfungszustände, Lustlosigkeit oder auch an schwere Depressionen: alles würde mit Burnout bezeichnet.

Sucht und Burnout : Burnout und Sucht

Tatsache sei, es gebe diese Erschöpfungs-zustände, nicht nur körperlich , sondern auch psychisch. Sie treten oft gemeinsam mit Sucht auf, wobei immer zu fragen sei, was davor und was danach gewesen sei.
In dem Sinne, dass ich Burnout habe und mich selbst behandeln will, mit dem Preis, dass ich süchtig werde. Die sei z.Bsp. häufig bei Kokainisten zu beobachten, sagt Prof. Haller.

Umgekehrt sei es möglich, dass man durch eine bestehende Sucht und deren Folgewirkungen
( Probleme am Arbeitsplatz u. in der Familie ) ins Burnout gerate.
Der Gedanke, dass man Burnout durch Suchtmittel selbst heilen wolle, sei ein zentraler Punkt;
so gesehen müsse Suchttherapie fast immer auch Burnout-Therapie sein.

Wir haben die Diskussionen und Vorträge anlässlich des Thementages des „Montagsforums“ im Kulturhaus Dornbirn und im ORF-Landesstudio in Dornbirn aufgezeichnet.

Zur Person:

Univ.Prof.Dr. Reinhard Haller ist Primar am Krankenhaus Maria Ebene. Sein Schwerpunkt ist die Suchtforschung. Professor Haller ist insbesondere als psychiatrischer Gerichtsgutachter in von den Medien vielbeachteten Fällen international bekannt.

Maria Ebene(www.mariaebene.at)

Univ.Prof.Dr. Peter Hofmann ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie;
er lehrt in Graz an der Univ. Klinik für Psychiatrie.

Med-Uni Graz(www.medunigraz.at/psychiatrie/mitarbeiter.html)

Univ.Prof. Dr. Herwig Scholz. Er war der Vorgänger als Primar von Professor Haller am Krankenhaus Maria Ebene, bevor er in verschiedene klinische Leitungsfunktionen in Kärnten wechselte;
sei es am Landeskrankenhaus Villach und am Krankenhaus Waiern in Feldkirchen.

Musik:

CD Into the Blue
Emmanuel Pahud: Jacky Terrasson

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