Pierre Stutz: „Deine Küsse verzaubern mich“

In der Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus“ spricht Pierre Stutz darüber, wie das Religiöse und Erotische miteinander verbunden werden können. Stutz legte 2002 sein Priesteramt nieder, weil er seine Homosexualität verantwortungsvoll leben will.

Die Sendung zum Nachhören:

Das Wesentliche ist schon da

Sendungshinweis:

„Focus“, 10.8.2013 (Wiederholung von 17.11.2012)

Es ist Pierre Stutz eine Lebensanliegen geworden, dass wir bei all unseren Lebensvollzügen - was immer wir an Kraft und Verletzlichkeit erleben, an Hoffnung und Traurigkeit, an Lust und Verlorenheit - die göttliche Spur suchen. Es gehe darum, den Zugang zur eigenen Mitte zu finden. Die große spirituelle Frage lautet: „Heute schon geatmet?“

Pierre Stutz
Privat
Pierre Stutz

Das Hohelied der Liebe

Ach umwerfende erotische Gedichte - es könne nur die List des Hl.Geistes gewesen sein, dass dieses Buch in die Liebe hineinkam, sagt Pirerre Stutz. Viele Menschen würden wohl die Bibel kennen, jedoch nicht das Hohelied, bedauert Stutz. Diese acht Kapitel hätten ihn angerührt, wie ihn die Psalmen angerührt hätten. Die acht Kapitel des Hohelieds hätten 30 Jahre lang in ihm gewartet: Er habe auf dieses Klopfen der Gedichte des Hoheliedes an seiner Herzenstüre gewartet, sagt Stutz. 50 Aktualisierungen des Hoheliedes sind auch zum Herzstück des jüngsten Buches von Pierre Stutz mit dem Titel „Deine Küsse verzaubern mich“ geworden.

Die poetische Ermutigung

Pierre Stutz möchte dazu ermutigen, dass wir alles, was wir an Lust, Leidenschaft und Erotik erleben, auch in Gott vertiefen können. In diesem Sinne schreibt er auch das folgende Gedicht: „In deinen Küssen verdichtet sich die Berührung unserer Seelen. Unsere Ängste werden aufgeweicht,
unsere Liebeskraft beginnt zu fließen. Deine Schönheit erleuchtet meinen Pfad der Verlorenheit. Deine Augenblicke bestärken mich zum Vertrauen im Nicht-Vertrauen.Deine Umarmung lässt mich endlich sein. Lustvoll bin ich aufgehoben, sprachlos bin ich voller Worte. Geheimnis bleibt unsere Liebe. Dein Geschenk der Zärtlichkeit erzählt vom Urgrund aller Liebe.“

Mit letzterem meint Pierre Stutz den heilenden Atem Gottes oder wie immer jeder Mensch diese Wirklichkeit für sich benennt.

Stutz nennt es sein Herzensanliegen, dafür Worte zu finden, weil er in Gesprächen oft eine große Sprachlosigkeit feststelle.

Geschlechtlichkeit und Sehnsucht nach dem Himmel

In den Kirchen werde das Hohelied der Liebe viel zu wenig vorgelesen. Pierre Stutz möchte die Menschen - ob Single, verheiratet, in Beziehung welcher Art auch immer - dazu ermuntern, das Religiöse und das Erotische zu verbinden. Die Geschlechtlichkeit und die Sehnsucht nach dem Himmel.

„Religion und Eros“

Pierre Stutz verweist auf das Standardwerk von Walter Schubart „Religion und Eros“, in dem Schubart im Jahr 1941 die ganze Trennungsgeschichte aufzeigt, nicht nur in der christlichen Spur, das finde sich leider auch in anderen Religionen.

Schubart weist darauf hin, dass wenn wir ganz Mensch werden wollen - und das mit Leib, Geist und Seele -, wir nicht um die Integration des Religiösen und des Geschlechtlichen herum kommen.

„Das zerrissene Herz“

Walter Schubart schreibt: „Das Religiöse und das Geschlechtliche sind die beiden stärksten Lebensmächte. Wer sie für ursprüngliche Widersacher hält, lehrt die ewige Zwiespältigkeit der Seele. Wer sie zu unversöhnlichen Feinden macht, zerreißt das menschliche Herz; und es ist zerrissen worden.“

Pierre Stutz hat diesen Vortrag im Bildungshaus St. Arbogast gehalten.

Zur Person

Pierre Stutz(www.pierrestutz.ch) ist 1953 in Hägglingen, im Schweizer Kanton Aargau geboren. Nach der Schulzeit in diesem Freiämter Dorf besucht er 1968-69 das Institut Catholique in Neuchatel, das von den Freres des Ecoles Chretiennes (Christl. Schulbrüder) geleitet wird.

1978 verlässt er Neuchatel, um in Luzern Theologie zu studieren. Auch während der Studienzeit ist er aktiv in der Jugendseelsorge tätig. 1985 wird er zum Priester des Bistums Basel geweiht.

Eine persönliche Lebenskrise führt ihn 1992 zurück nach Neuchatel, in die Abbaye de Fontaine-Andre, oberhalb der Stadt Neuchatel. Nach einer zweijährigen Vertiefung in der christlichen Mystik - davon einige Monate in Jerusalem - gründet Pierre Stutz zusammen mit den Freres den Ort Fontaine-Andre als „offenes Kloster“. Es entsteht eine Gemeinschaft von Frauen und Männern, auch verheirateten, die miteinander eine Spiritualität im Alltag suchen und leben.

Das Schreiben wird für Pierre Stutz zum „feu sacre“, zum inneren Feuer: So sind bis heute über 40 Bücher entstanden, mit über einer Million verkauften Exemplaren.

Im Sommer 2002 legt er sein Priesteramt nieder, weil er seine Homosexualität verantwortungsvoll leben will.

Literatur zur Sendung

Deine Küsse verzaubern mich, Liebe und Leidenschaft als spirituelle Quellen; Verlag Kösel, München 2012

Musik

ICH bin ICH/ Rosenstolz
Universum /ICH und ICH
Sei mal verliebt. Hildegard Knef
Ich hab dich lieb. Herbert Grönemeyer

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