Norbert Hänsli: „Wenn Jugendliche sich ritzen“

Bei der „Focus“-Sendung von Radio Vorarlberg am Samstag, 20. Oktober, von 13.03 bis 14.00 Uhr spricht der Zürcher Psychotherapeut Norbert Hänsli über das Thema „Niemand versteht mich – Wenn Jugendliche sich ritzen und selbst verletzen“.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 25.10.2012

Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen ist eine schwierige Metamorphose. Jede und jeder weiß selber darum, ebenso auch unsere Eltern. Zur Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit ist ein Rückzug ganz natürlich. Es ist ein Glück, wenn man dabei den emotionalen Draht zu den Eltern behält und wenn man Freunde und Bezugspersonen hat, die einem zur Seite stehen. Trotz allem: Das Erwachsenwerden ist eine emotionale Gratwanderung von Höhen und Tiefen.

Norbert Hänsli
Vorarlberger Kinderdorf
Norbert Hänsli

Der Psychotherapeut Norbert Hänsli meint, das Bewältigen der inneren Nöte ohne emotionalen Beistand - sei`s durch Eltern oder Freunde - könne beinhart sein. Nicht selten landeten Jugendliche in einer Sackgasse, aus der ein Herauskommen sehr schwer sei. Die Folge sei nicht selten, dass Eltern dann ebenso hilflos wie die Jugendlichen selbst seien.

Die leisen Signale

Ein oft lange unbemerktes und leises Signal dieser inneren Not kann sein, wenn sich Jugendliche ritzen und selbst verletzen. Mit „Ritzen“ ist die häufigste Form der Selbstverletzung gemeint, bei der die Betroffenen sich selbst schneiden.

Warum fügen sich Jugendliche Leid zu?

Wenn man Jugendliche fragen würde, warum sie das machen, würden sie meisten sagen, dass sie es nicht wissen. Es passiere, es geschiehe einfach, so Hänsli. Es sei dem Bewusstsein sehr stark entzogen, weil es sehr impulshaft gemacht werde. Es sei in der Therapie ein Erfolg, wenn sie sagen könnten, warum sie sich selbst verletzen.

Es seien Jugendliche, die sich selbst und damit ihre eigenen Gefühle oft sehr schlecht wahrnehmen und dann auch sich sehr schlecht ausdrücken können. Es gehe in der Behandlung vor allem auch darum, dass die Selbstwahrnehmung der eigenen Gefühle gestärkt wird.

Druck und Spannung ablassen

Sich selbst verletzen geschehe oft, um Druck bzw. Spannung abzulassen. Es sei, wie wenn ein Dampfkochtopf platz, dann komme der Druck raus, umschreibt Hänsli die Schilderungen der Jugendlichen. Oder es sei, wie wenn ein Ballon immer mehraufgeblasen wird und man ihn mit einer Nadel zum Platzen bringe, bevor er dann selbst platzt.

Offensichtlich hätten Jugendliche, die solche Selbstverletzungen an sich vollführen, großen Druck, den sie offenbar nicht anders bewältigen können. Es ginge also darum zu lernen, wie man einen Rhythmus zwischen Spannung und Entspannung bekommen könne.

Andere Jugendliche erzählten, dass sie sich ritzen, wenn sie etwa alleine zu Hause sind, wenn alles ganz unwirklich wird. Ich fühle mich leer und missmutig, diffus, wie ein gefühlsmäßiger Tod, ich bin gar nicht mehr richtig lebendig. Die Selbstverletzung helfe ihnen wieder zu sich zurückzukommen.

Die Haut blutig schneiden

Jeder vierte Jugendliche hat sich nach eigenen Angaben schon einmal absichtlich Verletzungen zugefügt, zum Beispiel, indem er sich mit einer Schere oder einer Rasierklinge die Haut blutig schnitt. Dies geht aus den vorläufigen Befunden einer anonymen Umfrage der Universität Ulm hervor. Ein Viertel der Jugendlichen gab an, sich schon mindestens einmal absichtlich verletzt oder Schmerzen zugefügt zu haben.

Etwa neun Prozent der Befragten tun dies immer wieder. „Die meisten fügen sich Schmerz oder Verletzungen zu, indem sie sich schneiden, kratzen oder schlagen“, erläutert Paul Plener, Arzt an der Ulmer Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der die Studie leitet.

Beginn oder mit 13 oder 14 Jahren

Typischerweise beginnen die Betreffenden im Alter von 13 oder 14 Jahren mit dem selbstverletzenden Verhalten. Mädchen sind der Studie zufolge mehr als doppelt so häufig betroffen wie Jungen. In der Hauptschule gibt es mehr Jugendliche, die sich selbst verletzen, als in den weiterführenden Schultypen. Ein Unterschied zwischen Stadt und Land ließ sich nicht ausmachen.

Norbert Hänsli hat diesen Vortrag im Rahmen der Reihe „Wertvolle Kinder“ im Kinderdorf Vorarlberg gehalten.

Zur Person:

Norbert Hänsli, Psychotherapeut FSP und Theologe, studierte in Tübingen und in Zürich, arbeitete in der ersten Schweizer Drogenklinik für Jugendliche in Embrach (bei Zürich) und seit 1998 in der kath. Jugendseelsorge Zürich (kantonalen Fachstelle für Jugendarbeit und Jugendberatung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich), die er von 2007 bis 2012 leitete.

Buchautor des Standardwerkes „Automutilation - Der sich selbst schädigende Mensch im psychopathologischen Verständnis“.

Musik

CD Peter Madsen,Die neun Musen
CD Sunny Side up, EMI MUSIC AUSTRIA

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