Ernst Fehr: Soziale Motive unter der Lupe

Bei der „Focus“-Sendung von Radio Vorarlberg spricht diesmal Univ.-Prof. Dr. Ernst Fehr (Universität Zürich) über das Thema „Soziale Motive – zwischen Egoismus, dem Wunsch nach Fairness und Gerechtigkeit".

Die Sendung zum Nachhören:

Einzug der Verhaltensökonomie

Sendungshinweis:

„Focus“, 11.10.2012

In den Wirtschaftswissenschaften habe es in den letzten zehn bis 20 Jahren einen großen Wandel gegeben, erläutert Univ.Prof. Dr. Ernst Feher. Es sei nicht mehr die Disziplin, die sich nur mit Budgets, Gewinn- und Verlustrechnung sowie Arbeitslosigkeit befasst, sondern daneben beschäftige man sich auch mit vielen anderen Dingen, sagt Fehr einleitend. Im Rahmen seines Zweigs - der Verhaltensökonomie- befasse man sich damit, wie man Kindern bestimmte Verhaltensweisen beibringe oder wie man Beschneidungen von Mädchen in islamischen Ländern beseitigen könne oder wie man die Verheiratung von jungen Mädchen in Indien verhindere.

Ernst Fehr
FehrAdvice & Partners AG
Ernst Fehr

Diese inhaltliche Breite sei heute Gegenstand der Wirtschaftswissenschaft. Man befasse sich mit allen relevanten gesellschaftlichen Problemen, so auch mit dem Thema „Soziale Motive“.

„Das Blut des Heuchlers“

Der Mainstream in der Wirtschaftswissenschaft lasse an der Natur des Menschen wenig Positives, sie hebe nur den eigennützigen Charakter hervor, meint Fehr.

Der US-amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger George Stigler soll, so Fehr, gesagt haben: „Wenn das Eigeninteresse und ethische Werte in Widerspruch zueinander sind, dann werde meist der Eigennutz obsiegen."
Das sei ein Gedankengut, das in weiten Teilen der Wirtschaftswissenschaft noch immer vorherrsche. Oder die Aussage des Nobelpreisträgers Oliver Williamson: Menschen versuchten die Verwirklichung ihres Eigeninteresses mit List, Lügen und Betrügen. Oft würden sogar subtile Motive der Täuschung verwendet. Diese Annahmen über die Natur des Menschen seien sehr charakteristisch, sagt Ernst Fehr.

Bezeichnend sei auch der Satz eines Biologen, der gesagt habe: "Wenn man einen Altruisten kratzt, dann sehe man einen Heuchler bluten.“ Dahinter stehe der Gedanke, dass alles altruistische Verhalten, ein heuchlerisches Verhalten sei.

Es sei schon so, dass Menschen eigennützig handeln, dass der Eigennutz eine wichtige Komponente darstelle, kommentiert Ernst Fehr. Es sei aber eben nicht die einzige Komponente. Die tradierte Grundannahme des Menschen als eines „Homo oeconomicus“ müsse revidiert werden.

Soziale Motivation

Ernst Fehr legt seine Definition für die soziale Motivation vor: „Ein Individuum ist sozial motiviert, wenn es seine Ziele nicht nur an den eigenen Interessen ausrichtet, sondern auch an den Interessen anderer. Die Anderen können Kollegen, Nachbarn, Mitarbeiter sein.“

Letztlich wolle man als Ökonom etwas bewirken, wie Staaten und Unternehmen geführt werden. Die Behauptung, die man wagen könne sei, so Professor Fehr, wenn man die soziale Motivation vernachlässige, dann verstehe man wichtige Phänomene nicht.

Eigennutz und Gemeinnutz

Im Zusammenhang mit Eigennutz und Gemeinnutz gebe es rätselhafte Phänomene. Ernst Fehr verweist beispielhaft auf Bilder, die man nach dem Sturz Saddam Husseins im Irak gesehen hat, bzw. die man nach Erdbeben und bei Hungerkatastrophen sieht, dass Menschen durch die Straßen ziehen und plündern. Das könnte ein Beispiel dafür sein zu zeigen, dass der Mensch komplett eigennützig sei.

Ein anderes Beispiel seien die Spitzenmanager mancher Unternehmen, die Geld in einem Maße genommen hätten, wie es viele Menschen für unethisch betrachtet haben.

Es gebe aber auch die anderen Beispiele. So verhielten sich die Menschen mehrheitlich so, als wären sie stark sozial motiviert. Ernst Fehr erinnert an die Revolutionen anlässlich des Arabischen Frühlings- in Tunesien, in Libyen oder Ägypten. Da seien Leute bereit gewesen, ihr Leben dafür zu opfern, dass sie demonstriert hätten. Viele hätten das sogar mit ihrem Leben bezahlt und es wäre sozusagen aus rein eigennütziger Sicht für jeden Staatsbürger dort besser gewesen, sich zurückzulehnen und zuzuschauen was die anderen Leute machen.

Professor Fehr erklärt das so: „Weil, hätten sie sich nicht an den Demonstrationen beteiligt, dann hätten sie nicht ihr Leben bzw. ihre Familie gefährdet; Wenn die Leute, die die Diktatur beseitigen wollen, gewinnen, dann hat man alle Vorteile von Rechtsstaat und Demokratie. Ich kann nicht ausgeschlossen werden. Wenn sie allerdings nicht gewinnen, habe ich nicht zu befürchten vom alten Regime verfolgt zu werden“, zeichnet Professor Fehr das Bild der einzelnen Interessenslagen. Trotzdem würden viele mitmachen: „Wir haben es hier mit einem sehr altruistisch getriebenen Verhalten, das sich an Rechtsstaat und Demokratie ausrichtet, zu tun, der schließlich allen Bürgern nützt.“

Der Vortrag von Prof. Ernst Fehr wurde an der Fachhochschule Vorarlberg aufgezeichnet.

Zur Person

Univ. Prof. Dr. Ernst Fehr, geb. 1956, aufgewachsen in Hörbranz (Vorarlberg), ist einer der führenden internationalen Vertreter der Verhaltensökonomie, Mitbegründer der Neuroökonomie und einer der meist zitierten Ökonomen der Welt. Er ist ein gesuchter Vortragender und Gesprächspartner für führende Vertreter der Wirtschaft und Politik.
Bereits zum wiederholten Male führt Ernst Fehr die Rangliste der besten Schweizer Forscher in den Wirtschaftswissenschaften an.

Fehr studierte von 1975 bis 1980 Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien. Zwischen 1980 und 1982 war er als Forschungsassistent am Lehrstuhl von Alexander Van der Bellen tätig; Zwischen 1988 und 1989 bekleidete Fehr zudem eine Forschungsstelle an der London School of Economics .

Fehr wurde 1986 promoviert, im Juni 1991 schließlich habilitiert. Seit 1994 ist er ordentlicher Professor für Mikroökonomik und Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich, wo er darüber hinaus als Direktor des 2011 neu geschaffenen Instituts für Volkswirtschaftslehre fungiert.

Ernst Fehr führt gemeinsam mit seinem Bruder in Zürich eine Beratungsfirma(www.fehradvice.com)

Musik

CD All Jazz

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