„Der tödliche Fortschritt“ oder „Wir brauchen eine neue Ethik“

Bei der „Focus“-Sendung von Radio Vorarlberg am Samstag, 29. September, von 13.03 bis 14.00 Uhr spricht Dr. Eugen Drewermann über das Thema „Der tödliche Fortschritt und Wir brauchen eine neue Ethik?“.

Die Sendung zum Nachhören:

Die Ethik stimmt nicht

Sendungshinweis:

„Focus“, 4.10.2012

„Ich glaube, dass die Ethik, die wir bisher hatten, so auf den Menschen bezogen ist, dass sie nicht stimmt mit Blick des Menschen auf die Natur“, greift Eugen Drewermann die Frage der Ethik auf. Wir hätten seit Darwin gesehen, dass wir nur eine Welle im Ozean seien. Das Weltbild habe sich dramatisch geändert, aber wir hätten daraus nur gelernt Technik einzusetzen, um den verlorenen Ton zurückzuerobern, so der Theologe, Psychotherapeut und Schriftsteller.

Aufruf zu gütigem Umgang mit den Tieren

„Wir wussten noch nie so viel von Tieren und haben sie noch nie so effizient ausgebeutet wie derzeit“, bezieht Eugen Drewermann Position für das „leidende“ Tier.

" Wenn es denn stimmt, dass wir selber aus der Tierreihe stammen und durch den Spracherwerb und den Vernunftbesitz anders geworden sind als die Tiere, dann sollten wir die Auszeichnung des Menschlichen nützen, um gütiger mit den Tieren zu sein, als diese im Umgang miteinander sein können im Rahmen der Natur", umschreibt Drewermann die evolutionistische Sichtweise.

Die Wachstumslogik

Wir folgten einer Wirtschaftslogik, die Wachstum braucht, weil schon im Kapitalismus die Rückfinanzierung von Schulden ein ständiges Druckmittel sei, so der Theologe Drewermann.

" Wir brauchen mindestens zwei Prozent Wirtschaftswachstum, weil immer zwei Prozent Zinsen auf den Schultern der Unternehmer liegen und dann brauchen wir wieder zwei Prozent mehr Menschen als Konsumenten für die Produkte, mit denen wir die Schulden abarbeiten. Das ist eine Spirale ohne Ende". Drewermann sagt, es sei deshalb verlogen, wenn es heiße, wir wollen Klimaschutz, Umweltschutz oder Tierschutz und gleichzeitig werde das Mantra vom Wachstum gepredigt", erläutert Drewermann seinen Standpunkt.

Keine Lobby für Arme und keine für Tiere

„Wir kommen mit ethischen Argumenten gegen die vollkommen verselbständigte Logik der Wirtschaft und damit den Regeln des Finanzkapitals nicht an“, bedauert Eugen Drewermann die vorherrschende Denkweise. Es gebe keine Lobby für arme Menschen und keine für leidende Tiere, beklagt Eugen Drewermann.

„Heiligtums-Räume“

Wir bräuchten unbedingt eine religiöse Erfahrung, die sich mit der Natur und dem menschlichen Zugriff verknüpft. Das sei die Erfahrung, die in den mythischen Religionen der Menschheit immer wieder gemacht wurde.

Es gebe Heiligtumsräume - Berge, Quellen, Wälder, Blumen und Pflanzenarten: In diesen mythischen Religionen empfinde man die Natur als etwas, das der Schonung bedürfe, weil darin Gott „anwest“, sagt Drewermann - das sei nichts Mystifizierendes, sondern etwas ganz Wichtiges und Augenscheinliches.

„Wir haben die Natur säkularisiert, in der es keinen Schutzraum mehr gibt. Die einzige Frage ist: ’"Wie viel Geld können wir aus dem Grundbesitz scheffeln?’ Denn dann gehört es jemandem und dann kann die Person damit machen, was sie will. So darf es nicht bleiben“, schließt Drewermann.

Vortrag bei Philosophicum Lech aufgenommen

Der Vortrag von Eugen Drewermann stand am Beginn des 16. Philosophicum Lech. Es stand unter dem Generalthema „Tiere. Der Mensch und die Natur.“

„Macht euch die Erde untertan“

Drewermann ging auch mit dem Christentum hart ins Gericht, dem er ob seines Anthropozentrismus eine Mitschuld am verheerenden Verhältnis zwischen Mensch und Tier gibt: „Die Bibel hat nur dieses anthropozentrische Weltbild. Eine Ethik, die Rücksicht auf die Tiere nehmen würde, findet man in der Bibel nicht.“ Er bemühte in diesem Zusammenhang ein Zitat von Schopenhauer, der sagte: „Die Erde ist für Tiere die Hölle und die Menschen sind ihre Teufel.“

Zur Person

Eugen Drewermann, Jg. 1940, ist ein katholischer Theologe, suspendierter Priester, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Er ist ein wichtiger Vertreter der tiefenpsychologischen Exegese.

Drewermann stammt aus einer gemischt-konfessionellen Bergmannsfamilie (Vater evangelisch, Mutter katholisch). 1966 wurde er zum Priester geweiht und arbeitete als Studentenseelsorger. Ab 1979 hielt er als Privatdozent Vorlesungen an der theologischen Fakultät Paderborn .

Im Jahr 1991 wird ihm die katholische Lehrbefugnis entzogen und 1992 die Predigtbefugnis. Im März 1992 folgte die Suspension vom Priesteramt. Ursache waren strittige Ansichten Drewermanns in Fragen der Moraltheologie und der Bibelauslegung.

Drewermann ist als Schriftsteller, Redner, Psychotherapeut und als Lehrbeauftragter tätig.

Am 20. Juni 2005, seinem 65. Geburtstag, trat Drewermann aus der römisch-katholischen Kirche aus und gab dies in der Talkshow Menschen bei Maischberger kurz vor Weihnachten 2005 der Öffentlichkeit bekannt.

Literatur

Eugen Drewermann. Über die Unsterblichkeit der Tiere. Hoffnung für die leidende Kreatur. Patmos Verlag

Musik

The DUSA Orchestra

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