Peter Gross: „Glücksfall Alter“

Prof. Dr. Peter Gross spricht in der Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus“ darüber, wie das Alter zum Glücksfall werden kann. Der Autor und Publizist erläutert, was der Gewinn von 30 Lebensjahr im Laufe von 150 Jahren bedeuten kann.

Die Sendung zum Nachhören:

In 150 Jahren 30 Lebensjahre dazugewonnen

„Nie gab es in unseren Gesellschaften so viele Leute, die so gut alt werden konnten. Darauf sollten wir stolz sein. Über diesen allgemein gehobenen Lebensstandard, über die Leistungen der Medizin, dass wir uns über uns selber mit 70 oder 80 Jahren noch sorgen machen können,“ ist eine der zentralen Aussagen von Professor Gross.

Sendungshinweis:

„Focus“, 4.8.2012

„Wir haben in den letzten 150 Jahren 30 Jahre an Lebenserwartung dazugewonnen, mehr als wir in den 10.000 Jahren vorher an Lebenserwartung gewonnen haben,“ so Gross. Das sei ein großartiger Erfolg einer modernen freiheitlichen, offenen Gesellschaft. Natürlich gebe es Altersarmut in unterschiedlichem Umfang, wir hätten Probleme bei Menschen, die einsam und allein noch sehr lange leben, es gebe auch Probleme in den Heimen.

30 Jahre gewonnen - Ewigkeit verloren

Die Menschen in außereuropäischen Gesellschaften strebten auch dieses Ziel an, sagt Gross. „Egal ob man einen Araber oder einen Inder fragt, dann sagen die alle, wir wollen auch so eine hohe Lebenserwartung, wir wollen auch so alt werden wie ihr.“

Wir haben 30 Lebensjahre gewonnen, aber die Ewigkeit verloren: Peter Gross merkt an, dass er als katholischer Bub aufgewachsen sei, mit den biblisch vermittelten Vorstellungen des Richters, der über Gut und Böse, Heil und Unheil entscheidet. Das sei heute bei den Kindern schon wieder ganz anders, weil sie von vielen Optionen ausgehen, was passieren könnte. Und gleichzeitig sei er froh nicht genau zu wissen, was nach seinem Tod passiere, sagt Professor Gross.

200.000 Über-100-Jährige in Europa

Noch nie konnten - wie heute - so viele Generationen friedlich zusammenleben. Er sei in einer neunköpfigen Familie aufgewachsen, so Gross. Die Großeltern habe er noch drei-vier Jahre erlebt, dann seien sie gestorben. "Unsere Enkelkinder haben fünf Großeltern, keine Geschwister aber Großeltern.“ In seiner eigenen Familie -so Gross - hätten die Enkelkinder sechs Großeltern gehabt. Vier Großeltern und zwei Urgroßmütter. Das habe es nie gegen, das sei fundamental neu.

„Die Gesellschaft wächst nicht mehr an Köpfen, sondern an Lebensjahren“, umschreibt Gross die gesellschaftliche Realität und fragt, ob diese hohe Altersstruktur die Gesellschaft nicht auch beruhige.

Wunschkinder

Noch nie in unserer Gesellschaft waren die Kinder so sehr wie heute Wunschkinder, so Gross.

Weniger Kinder hätten auch Vorteile gegenüber vielen Kindern. "Wenn die Schweiz seit 1945 Fünf-Kinder-Familien gehabt hätte, hätte die Schweiz heute 22 Millionen Einwohner. Die Folge wäre das absolute Chaos,“ verweist Professor Gross auf die möglichen Folgen von Großfamilien.

Für Abschaffung der Zwangspensionierung

Leute in offenen, freiheitlichen Gesellschaften sollten so lange arbeiten können, wie sie wollen. Der Angriff - „die wollten nicht arbeiten, sondern nach Mallorca“, weist Peter Gross zurück.

In der Schweiz wollten die Hälfte der Pensionisten, wenn sie einen adäquaten Arbeitsplatz hätten, weiterarbeiten.
Eine Gesellschaft, die sich nach dieser Erwerbstätigkeit definiere, sollte diese Erwerbstätigkeit ermöglichen bei Leuten, die 65, 70, 80 Jahre alt sind, so Peter Gross.

Die Gesellschaft sollte dies ermöglichen, weil der Kunde immer älter werde. "Der Kunde ist der Arbeitgeber aller Arbeitgeber“ umschreibt Peter Gross die Sichtweise auf eine altersgemäße Orientierung an den Kundenwünschen.

Diesen Vortrag haben wir im Festsaal der Arbeiterkammer in Feldkirch im Rahmen der Vortragsreihe Wissen für`s Leben aufgezeichnet.

Zur Person :

Prof.Dr. Peter Gross(www.petergross.ch), emeritierter Professor. Er hatte Professuren für Soziologie in Bamberg und an der Universität St. Gallen (HSG) inne. Bekannt geworden ist er mit seinem Buch »Die Multioptionsgesellschaft«. Peter Gross ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

Karin Fagetti ist seit fast zwei Jahrzehnten Journalistin und arbeitete für verschiedene Zeitungen. Heute schreibt die freie Journalistin aus St. Gallen regelmäßig über Generationenfragen, Jugend, die Alterung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Karin Fagetti ist verheiratet und hat drei Kinder.

Literatur

Peter Gross und Karin Fagetti: „Glücksfall Alter. Alte Menschen sind gefährlich, weil sie keine Angst vor der Zukunft haben“ ,Herder Verlag. 2.Auflage

Musik

The Strenvous Life
CD Miraphone Tuba Quarte

Chariots of paradise
Vangelis

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