„Autisten - merkwürdig, wunderlich, mitunter hochintelligent“

In der Sendung „Focus“ geht es diese Woche um das Thema „Autismus“. Dazu sprechen: Kinderpsychiaterin Maria Asperger Felder, Bettina Jenny (Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Poliklinik Zürich), Matthias Dalferth (Prof. für Sozialarbeit), Stefan Müller-Teusler (Dipl.Sozialpädagoge).

Sendungshinweis:

„Focus“, 21.6.2012

Die Sendung zum Nachhören:

Das Asperger-Syndrom

Maria Asperger Felder, die Tochter des Wiener Kinderarztes und Heilpädagogen Hans Asperger, auf den diese Diagnose des Asperger Syndroms zurückgeht, umschreibt das Krankheitsbild so:
„Die autistischen Menschen mit Asperger Syndrom haben eine wenig lesbare Mimik, es wird wenig Gestik zur Interaktion eingesetzt, der Blickkontakt, wenn er zustandekommt, schweift rasch ab und wird starrend.
Eine weitere Problemstellung stellt sich beim Sprachvermögen und Sprachverständnis ein. Es ist eine wenig kommunikative Sprache, die betroffenen sind wenig an Austausch interessiert, ebensowenig können die Lautstärke und Modulation der Sprache verstehen“, umschreibt Maria Asperger Felder das Erscheinungsbild des Asperger-Syndroms.

„Wenn Autisten erwachsen werden“

Der Umgang mit Veränderungen gehört zur Entwicklung eines jeden Menschen. „Für Menschen mit einem Asperger Spektrum Syndrom (ASS) sind Veränderungen aber eine ganz besondere Herausforderung - und in Folge auch für die Menschen, die sie begleiten und betreuen“, beschreibt die Organisatorin des Autismus-Symposiums in Mäder Daniela Egger die Gegebenheiten für den erwachsen werdenden Autisten.

In Deutschland kommen nicht mehr als fünf Prozent der Betroffenen am allgemeinen Arbeitsmarkt unter. Personen, die mehrfach schwer behindert sind, arbeiten meist in geschützten Werkstätten; die überwiegende Mehrheit finde gar keine Beschäftigung, so Professor Matthias Dalferth.

Menschen mit besonderen Fähigkeiten

Menschen mit dem Autismus-Spektrum haben große Fähigkeiten - etwa sich auf eine Sache, ein Thema zu konzentrieren. Sie verkörpern Tugenden wie Pünktlichkeit und Genauigkeit:
Hindernisse, die den Menschen mit Autismus eine Berufsausübung schwer machen, sind, wenn plötzlich auftretende Veränderungen, die gewohnte Struktur stören.

Smalltalk lernen

Die klinische Psychologin Bettina Jenny trainiert Jugendliche in Kulturtechniken wie beispielsweise dem Smalltalk. Autistische Menschen müssen diese soziale Kontaktaufnahme wie eine Fremdsprache erlernen, da sie sonst mit Gesten, Mimik und ungesagten Informationen zwischen den Zeilen nichts anfangen können. Mit dem gezielten Training zeigt sich allerdings deutlich, wie weit die soziale und kommunikative Kompetenz gesteigert werden kann.

„Arbeiten u. Wohnen im Zeitalter der Inklusion"

Trotz ähnlichen Handicaps gibt es individuelle persönliche Vielfalt und oft besonders ausgeprägte Fähigkeiten von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung die, unter Berücksichtigung gewisser Rahmenbedingungen, eine erfolgreiche Integration in einem Unternehmen erlauben - und zwar durchaus zum Vorteil aller Beteiligten.

„Berufliche Perspektiven, Möglichkeiten der Ablösung von den Eltern in betreute Wohnformen, die möglichst eigenständige Entscheidung über alltägliche Dinge, und vor allem Akzeptanz und mehr Verständnis für diese doch besondere Form der Beeinträchtigung sind das Ziel, um die Lebensqualität betroffener Menschen zu verbessern“, umschreibt Stefan Müller- Teusler die Formen der Zuwendung und als Voraussetzung einer lebenslänglich notwendigen Betreuung.

Die Vorträge wurden beim Symposium des Netzwerk Autismus Vorarlberg(www.netzwerk-autismus.at) in Mäder mit dem Thema: „Wenn Menschen mit Autismus erwachsen werden“ sowie der Vortrag von Dr.Maria Asperger Felder beim Symposium zum 30 Jahr-Jubiläum des Heilpädagogischen Zentrums für Kinder-und Jugendpsychiatrie Carina in Feldkirch aufgezeichnet.

Dr. med. Maria Asperger Felder

Kinderpsychiaterin und -psychotherapeutin, Zürich, Tochter des Kinderarztes und Heilpädagogen Dr. Hans Asperger

Bettina Jenny, Universität Zürich

Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Poliklink, seit 1994: beschäftigt am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Forschungsschwerpunkte und -interessen: Gruppentraining bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus- Spektrum-Störungen

Prof. Dr. phil., Dipl.-Päd. Matthias Dalferth

Arbeit mit verhaltensauffälligen, lern- und geistig behinderten Kindern und Jugendlichen. Seit 1987 Professor für Sozialarbeit/Sozialpädagogik an der Fachhochschule Regensburg.

Stefan Müller-Teusler

Diplom-Sozialpädagoge, MBA Management in der Sozialwirtschaft, war Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Lüneburg, Institut für Sozialpädagogik und lehrt dort noch als Lehrbeauftragter. Heute ist er Heimleiter des Weidenhofes in Hitzacker, eine stationäre Einrichtung für erwachsene Menschen mit Autismus.

Literatur

  • Stefan Müller-Teusler (Herausgeber)
    Autistische Menschen: Leben in stationärer Betreuung. Lambertus Verlag 2008.
  • Berufliche Teilhabe für Menschen aus dem autistischen Spektrum (ASD) von Frank Baumgartner, Matthias Dalferth und Heike Vogel. Universitätsverlag Winter 2009.

Musik

CD Anderscht Saitenflug

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