„Intuitives Verstehen und Empathie“ - Teil II

Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer thematisiert im zweiten Teil der „Focus“-Sendung „Intuitives Verstehen und Empathie“ soziale Netzwerke im Gehirn, die uns abwägen lassen, wie unser eigenes Handeln aus Sicht der Anderen eingeschätzt wird.

Die Sendung zum Nachhören:

Soziale Instinkte als Basis der Moral

Sendungshinweis:

„Focus“, 14.6.2012

Professor Bauer erwähnt eingangs die Evolutionslehre von Charles Darwin. Er habe die Evolution nur mit einer Hälfte beschrieben - mit der Hälfte der Selektion und des Kampfes ums Überleben. Er habe auch in großartiger Weise über die Psychologie des Menschen geschrieben.

Die Aggression sei in diesem Kontext bei Darwin ein reaktives System, das wir benötigen, wenn wir uns wehren müssen: als die wichtigsten Triebe habe Darwin die sozialen Instinkte - die sozialen Triebe- bezeichnet, so Bauer. Soziale Instinkte führten dazu, dass der Mensch Vergnügen an der Gesellschaft mit seinen Artgenossen hat, er empfinde ihnen gegenüber einen gewissen Grad an Sympathie und verrichte mit ihnen verschiedene Dienste.

„Soziale Netzwerke im Gehirn“

"In dem Moment, in dem eine Wut in mir ist, könnte ich einem anderen vielleicht eine hineinhauen. Es gibt aber Verschaltungen in unseren Nerven-Netzwerken im Gehirn, die uns davon abhalten: Sie signalisieren uns „Vorsicht" und warnen uns “, verweist Professor Bauer auf eine wundersame Instanz in uns.

Bauer ergänzt: „Diese Netzwerke sind nicht vom Himmel gefallen, sondern sind evolutionär gewachsen, mit der menschlichen Entwicklung.“

Einschätzung des Handelns aus Sicht der Anderen

Es sind Netzwerke, die uns in jedem Moment, wo wir handeln und uns bewegen, immer im gleichen Moment sagen: Wie wäre das, wenn du das oder jenes tun würdest? Wie fühlt sich das von außen und aus der Sicht der Anderen an?"

„Wenn ich vorher weiß, wenn ich den jetzt ärgere, dann geschieht mir Unheil, dann gehe ich vielleicht da erst gar nicht hin“, umschreibt Professor Bauer diesen Signalisierungsvorgang, und er meint, das sei der Vorteil des Menschen, dass er abwäge, wie etwas, das man selbst tue, aus der Sicht der Anderen aussieht.

Bei Menschen, wo das nicht so funktioniert, liege eine Störung in der Entwicklung vor. Bauer verweist exemplarisch auf den Attentäter von Norwegen - Andres Breivik, der durch seine persönliche Entwicklung, Drogenkonsum und die täglichen virtuellen Gewaltexzesse am Computer sowie die Begegnung mit dem rechtsextremen Milieu eine offensichtliche Störung aufweise.

„Egalitarian brain“

„Unser Gehirn hat tendenziell den Wunsch, dass die Ungleichheit nicht zu groß werden darf und dass es ein Mindestmaß an Fairness geben soll“, umschreibt Joachim Bauer ein interessantes und in der Allgemeinheit wenig bekanntes Phänomen. Entsprechende Tests ergaben, dass der Mensch aufgrund seiner Beobachtung genau zwischen einem fairen und unfairen Spieler unterscheidet.

Gleichzeitig gebe es bei der Wahrnehmung Unterschiede zwischen Männern und Frauen: in der Rolle des Beobachters/ der Beobachterin, wenn jemand gequält wird. Die Spiegelreaktion nimmt bei Frauen ab, wenn sie beobachten, dass jemand ungerechtfertigt gequält wurde, bei Männern hingegen melden sich die Glückszentren an, wenn jemand, der unfair war, gequält wird, sagt Professor Bauer.

Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer hielt diesen Vortrag auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde bei den Festspielgesprächen 2011 in der Propstei St. Gerold.

Zur Person

Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer war nach seinem Medizinstudium- parallel zu seinen fachärztlichen Ausbildungsgängen- viele Jahre in der Molekularbiologie und Hirnforschung tätig. Bauer ist Facharzt für Innere Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie.

Literatur

Joachim Bauer. Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Heyne Verlag

Joachim Bauer. Das Gedächtnis des Körpers: Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. Piper Verlag.

Joachim Bauer. Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt.
Blessing Verlag.

Musik:

Celtic Spirit
Thomas Ruetz
www.maexxstudio.com

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