„Intuitives Verstehen und Empathie“ - Teil I

In der Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus - Themen fürs Leben“ spricht diese Woche Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer über das Thema „Intuitives Verstehen und Empathie“.

Sendungsnachweis:

„Focus“, 7.6.2012

Die Sendung zum Nachhören:

Die Resonanz - kein Luxusprodukt

Warum können Menschen fühlen, was andere fühlen? Und warum können uns Mitmenschen mit ihrer Stimmung anstecken? Warum imitieren Menschen, die sich in gutem Einvernehmen befinden, unwillkürlich bestimmte Bewegungen oder Körperhaltungen ihres Gegenübers?

„Phänomene dieser Art wurden in der Hirnforschung lange Zeit als unwissenschaftliche Metaphysik bzw. als Einbildung angesehen. Erst in den 1990-er Jahren erfolgte durch eine italienische Forschergruppe die Entdeckung eines bislang unbekannten neuronalen Prinzips. Es ließ Phänomene wie die oben genannten verständlich werden.

Spiegel-Nervenzellen

„Bestimmte Nervenzell-Netzwerke des Gehirns, sogenannte Spiegel-Nervenzellen, sind bei Beobachtung der Bewegungen eines anderen Menschen in der Lage, im Beobachtergehirn die zur beobachteten Bewegung gehörenden neuronalen Aktivitäten zu stimulieren. Ähnlich wie zwei auf den gleichen Ton gestimmte Stimmgabeln in der Lage sind, sich gegenseitig in Resonanz zu versetzen, können auch zwei menschliche Gehirne in eine Art Resonanz zueinander gehen, vorausgesetzt die beiden zu ihnen gehörenden Personen befinden sich im gegenseitigen Wahrnehmungshorizont der jeweiligen fünf Sinne.

Wir brauchen Vitalität

Die Resonanz ist wichtig, weil wir Beziehung brauchen. Wir brauchen nicht nur materielle Ressourcen, wie Nahrung, Rohstoffe, frische Luft und Bewegung. Wir brauchen auch Vitalität, sagt Professor Bauer.

"Die Vitalität ist von der Natur aus nicht gesetzt, spürbar daran, dass wir im Alltag auch im gesunden Zustand Vitalitätsschwankungen haben, man sieht es aber vor allem in der krankhaften Ausprägung des Vitalitätsmangels in der Psychiatrie und der psychosomatischen Medizin.

Wir haben zum Beispiel in der schweren Depression einen Vitalitätsmangelzustand in einer krankhaften Variante", umschreibt Prof. Bauer die beiden Extreme und verweist auf die notwendigen medizinischen und therapeutischen Begleitmaßnahmen für diese Patienten.

Wichtige Botenstoffkomponenten

Für das Entstehen der Vitalität in unserem Körper sind drei wesentliche Botenstoffkomponenten wichtig: Der Hirnforscher Joachim Bauer nennt:

  • Dopamin - als Energiedroge: „Ohne Dopamin können wir uns nicht muskulär bewegen“
  • Opioide - körpereigene Wohlfühlbotenstoffe
  • Oxytocin - als Vertrauens-und Kooperationshormon: "Es ist sowohl eine Folge als auch eine Ursache von gelebtem Vertrauen, es macht einen auch bereiter zu vertrauen.“

Soziale Akzeptanz ist eine vitale Ressource

Beziehung, Zuwendung, das Gefühl, ich bin bedeutsam für andere Menschen, seien
die Motivationsaufbereiter für unsere Vitalität und damit für unser Leben, legt Professor Bauer den Blickpunkt auf den Motor und das Benzin menschlichen Agierens.

„ Menschen können auf andere die Wirkung einer Droge haben“, ergänzt Bauer und meint, Menschen, die weniger sozial akzeptiert werden, die einsamer sind, hätten mehr Kreislauferkrankungen, und auch eine geringere Lebenserwartung.

Zur Person

Univ-Prof. Dr. Joachim Bauer lehrt an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Bauer ist Autor mehrerer wissenschaftlicher Sachbücher und war nach seinem Medizinstudium- parallel zu seinen fachärztlichen Ausbildungsgängen - viele Jahre in der Molekularbiologie und Hirnforschung tätig. Bauer ist Facharzt für Innere Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie.

Literatur

Joachim Bauer. Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Heyne Verlag

Joachim Bauer. Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt.
Blessing Verlag.

Musik

Grandes etudes de Paganinni
Widmung
Liszt I CD Liebestraum

Diesen Vortrag hat Professor Joachim Bauer auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Zahn- Mund-und Kieferheilkunde bei den Festspielgesprächen 2011 in der Propstei St. Gerold gehalten.

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