Focus: Hunger(n) nach Leben - Essen als Sucht

Die klinische Psychologin Andrea Burtscher spricht in Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus - Themen fürs Leben“ über das Thema „Hunger(n) nach Leben - Essen als Sucht!“.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 10.5.2012

Essstörungen sind keine Ernährungsstörungen, sagt Andrea Burtscher. Sicherlich ernähren sich viele Essgestörte falsch. Doch das sei nicht ein Mangel an Wissen über gesunde Ernährung. Besonders bei Magersüchtigen und Bulimiekranken seien im Gegenteil meist sehr detaillierte Kenntnisse über Kalorien, Nährwerte etc. vorhanden.

Das Problem sei also nicht Unwissenheit. Der Umgang nehme einen unangemessenenen Stellenwert im Leben der Betroffenenen ein. Schuldgefühle und ständig im Kopf zu haben, wie viel man gegessen habe, quäle die Betroffenen, so Burtscher.

Zu viel essen oder hungern kann süchtig machen

Andrea Burtscher führt folgende Punkte dazu ins Treffen, die Hinweise auf ein problematisches Essverhalten sein können.

  • Wenn jede Gewichtsschwankung, sei sie auch noch so gering, einen Stimmungsumschwung mit sich bringt
  • Wenn alle Gedanken ums Essen oder Nicht-Essen kreisen.
  • Wenn Essen nicht mehr Genuss bedeutet, sondern ein schlechtes Gewissen zu haben und Kalorien zu zählen und damit Heimlichkeit, Gier, bis hin zur Depression, verbunden ist.
  • Wenn das tägliche Essen zur Bedrohung wird, dann muss man von einer Essstörung gesprochen werden.

Erscheinungsbilder von Essstörungen :

  • Latente Esssucht: Dauerdiät, Gewichtsschwankungen bis zu zehn Kilogramm, verschiedene Kleidergrößen im Schrank
  • Magersucht (Anorexia Nervosa): Wunsch nach Selbstbestimmung, Autonomie und Anerkennung. Nicht-Essen gibt Erkrankten das Gefühl von Autonomie
  • Bulimie(Bulimia Nervosa): Erst seit 1980 ein selbständiges Krankheitsbild. Die Bulimie ist sogenannte heimliche Essstörung.
  • Psychogene Adipositas-Esssucht: Essen ist keine Reaktion auf Hungergefühle, sondern überwiegend ein Befrieden von emotionalen Bedürfnissen
  • Binge eating disorder: Zufuhr großer Nahrungsmengen ohne anschließendem Erbrechen oder sonstigen Gegenmaßnahmen

Mögliche Ursachen und Auslöser

Betroffene könnten sich meist nur an Auslöser erinnern, die Ursachen seien ihnen nicht bewusst und würden im Laufe der Psychotherapie erarbeitet, gibt Andrea Burtscher Einblick in ihre Beratungserfahrung.

Auch Bemerkungen zur Figur können Auslöser sein, so Burtscher. Hart können sie besonders sein, wenn es Neckereien von Menschen aus dem Umfeld sind. Und Burtscher ergänzt: „Die Ursachen liegen tiefer: es können biologische, individuelle, familiäre und/oder gesellschaftliche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Es gibt persönliche Risikofaktoren (wie: niedriges Selbstwertgefühl oder Perfektionismus), aber auch familiäre Faktoren: das können ein gestörtes Essverhalten in der Familie, familiäre Sucht- oder psychische Erkrankungen, sexuelle Gewalterfahrungen, Körperfeindlichkeit bis hin zu Selbsthass sein“, so die Psychologin.

Zur Person:

Magistra Andrea Burtscher ist klinische Psychologin und arbeitet im Fachbereich Psychotherapie als Fachbereichsleiterin beim Institut für Sozialdienste. Arbeitsschwerpunkt sind Essstörungen.

Literatur zum Thema Essstörungen

  • Buchinger Birgit, Hofstadler Beate, Warum bin ich dick?, Döcker 1997
  • Flaake Karin, King Vera (Hg), Weibliche Adolseszenz, Campus 1992
  • Gerlinghoff Monika, Magersüchtig, Piper 1990
  • Langsdorff Maja, Die heimliche Sucht, unheimlich zu essen, Fischer 1995
  • Mens-Verhulst, van Janneke u.a., Töchter und Mütter, Kohlhammer 1993
  • Musfeld Tamara, Im Schatten der Weiblichkeit, Perspektiven 1996
  • Für Jugendliche: Scheen Kjersti, Mondfee, Anrich 1993

Musik

CD Track The Dusa Orchestra Luna

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