Marianne Gronemeyer: „Was ist gute Arbeit?“

Marianne Gronemeyer, Bestsellerautorin und bis 2006 Professorin für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Wiesbaden, erweist sich bei ihren Betrachtungen über die Arbeit als Expertin mit einem kritischen Auge.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendehinweis:

„Focus“, 26.01.2012

Es beginnt damit, dass eine Arbeit gut oder schlecht ist, nicht nach dem, was man dafür tut, sondern danach, was dabei herauskommt.

„Ich habe Arbeit“ steht nicht für ein Tun, sondern für einen Arbeitsplatz. In unserer Arbeitswelt gilt Arbeit als ungeliebt und doch begehrt. „Ist sie wirklich ein knappes Gut?“. fragt Marianne Gronemeyer? Der Mensch in der industrialisierten Gesellschaft und „seine“ Arbeit ergeben eine Wechselwirkung mit spannenden Betrachtungs-Möglichkeiten.

Abhängige Arbeitnehmer

„‚Ich habe Arbeit‘ heißt nicht: ‚Ich habe zu tun‘ - sondern mir ist ein so oder so ausgestatteter Arbeitsplatz gewährt worden. zudem meint der Satz ‚Ich habe Arbeit‘, dass mein Bedürfnis nach einem Tun durch eine Anstellung befriedigt worden ist - und zwar von jemandem, der über genügend Kapital verfügt und und mir darin eine Stellung angewiesen hat“, sagt Prof.Gronemeyer.

Arbeitsplätze sind laut Gronemeyer Arbeitsgelegenheiten, über die Kapitaleigner verfügen, die nach den Regeln des Marktes vergeben werden. Auf dem Arbeitsmarkt werde ein Bedürfnis nach Arbeit erzeugt, das aus arbeitenden Menschen abhängige Arbeitnehmer mache. Arbeit setzte das Vorhandensein eines Arbeitsmarktes voraus.

Gronemeyer: Industrielle Arbeit ist parasitär

Die moderne industrielle Arbeit ist nach Marianne Gronemeyer konsequent parasitär. Mit „industriell“ meint sie alle Arbeiten, auch die Dienstleistungen.

Arbeit sei angewiesen auf Voraussetzungen, aus denen sich Arbeit nährt. Der Mensch mache sich seine Voraussetzungen zunutze, wie etwa das Wunder des „gegenstehenden“ Daumens, mit dem der Mensch greifen und begreifen könne. Er ermögliche die freie Hand und das Hand-Anlegen.

Gronemeyer verweist auch auf die Kräfte unseres Verstandes, die der Mensch bei der Arbeit einsetze. Dazu gehöre aber auch das seelische Vermögen, das uns staunen und in Fremdes einfühlen lasse.

Kulturelles Erbe

Zudem trete der Mensch ein kulturelles Erbe- eine Hinterlassenschaft- an. In diesem Erbteil seien Schätze wie etwa die Erfindungsgabe vorhanden.

Die industrielle Arbeit führt nach Prof. Marianne Gronemeyer zu einer giftigen Erbschaft: sie sei ein Indiz für schlechte Arbeit. Es führe zu Monstrositäten im Glauben, dem Fortschritt zu dienen.

Lerngeschichte des Individuums als Grundlage

Man habe Werkzeuge aus Stein gefunden, die zweieinhalb Millionen Jahre alt seien, so die Autorin. Arbeit gründe auf einer Lerngeschichte des Individuums. Menschen hätten eine Unmenge an Vorleistungen erbracht, ehe sie sich an die Arbeit machen haben können. Gute Maßstäbe würden also durch Generationen über Bewährung und Übereinkunft entstehen.

Arbeit muss, so Gronemeyer, immer kooperativ sein und soll einen Nutzen haben. Man müsse sich sich dessen bewusst sein, dass die Natur die Grundlagen für die Arbeit bereitstelle. Hier lägen die Kraftquellen in Grund und Boden, Sonne, Luft und Regen verborgen.

Freigiebige Rückerstattung als Zeichen guter Arbeit

„Unsere Sprache von Arbeit ist verräterisch“, führt Marianne Gronemeyer vor Augen. Mit von Gewinn bestimmten Begriffen wie „Vorwärtskommen“, „Fortschritt“ sei keine Rede von Rückerstattung. Prof. Gornemeyer`s Hauptthese lautet hingegen: Gute Arbeit zeichnet sich durch freigiebige Rückerstattung aus.

Das Prinzip der Abfallverwertung sei dabei nicht als Unrat, Müll oder Kehricht zu sehen. Es seien jene Dinge, die bei der Arbeit ab- bzw. anfallen. Arbeit müsse auch für den Menschen einen Nebennutzen haben. Diese Form der Rückerstattung begnüge sich nicht mit dem Nebenbei und Nebenher. Die Rückerstattung habe nichts mit Werten zu tun, sondern sie habe es mit dem zu tun, was umsonst ist, dem Abfall: "Industrielle Arbeit ist unfähig, Rückerstattung zu leisten!“, macht Gronemeyer ihren Standpunkt deutlich.

Zur Person

Prof.in Dr. Marianne Gronemeyer, renommierte deutsche Autorin von Bestsellern wie „Das Leben als letzte Gelegenheit“ und „Die Macht der Bedürfnisse“ wurde 1941 in Hamburg geboren. Sie war acht Jahre lang Lehrerin an der Haupt- und Realschule. Weitere Stationen: Zweitstudium der Sozialwissenschaften an den Universitäten Hamburg, Mainz und Bochum. Dissertation: Motivation und politisches Handeln, Hamburg 1976. Von 1971 bis 1977 machte sie Friedensforschung an der Universität Bochum im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung.

Habilitationsschrift: Die Macht der Bedürfnisse, Reinbek 1988.

Bis 2006 war sie Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Wiesbaden.

Musik

CD Miraphone Tuba Quartett

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