Prof.Dr.Joachim Bauer: „Zivilcourage: gegen die dunkle Seite der Zugehörigkeit “

Mit der dunklen Seite der Zugehörigkeit bzw. Verbundenheit meint Prof. Bauer, dass wir dafür bereit sind, die schlimmsten Dinge zu tun.

Die Sendung zum Nachhören

Am Beispiel des Nationalsozialismus

Mit der dunklen Seite der Zugehörigkeit bzw. Verbundenheit meint Prof. Bauer, dass wir dafür bereit sind, die schlimmsten Dinge zu tun. Am Beispiel des Nationalsozialismus verdeutlicht Bauer dieses Phänomen der rauschhaften Masse, die die größten Verbrechen begeht. Man erlebe eine Steigerung des Gemeinschaftsgefühls durch die Bildung einer In-Group, in der man sich gegen den Rest der Welt richtet. Beim Ausmachen der Feinde kann es zu einer rauschhaften Steigerung des Gemeinschaftsgefühls kommen, so Bauer.

Schuld daran ist der neurobiologische Mechanismus, dass wir so gerne dazugehören wollen, dass es angenehme Empfindungen macht und unsere Glückshormone anfangen zu rauschen.

Dann kann Zivilcourage bedeutend werden. Zugehörigkeit kann nicht immer moralisch gesund sein, wenn sie andere entwertet, beschädigt oder gar zum Tod anderer führt.
Zivilcourage kann dort wichtig sein, wo es darum geht, sich herauszustellen aus der Gemeinschaft und gegen die Gemeinschaft zu stellen, wenn sie das Prinzip der zwischenmenschlichen Verbundenheit korrumpiert.

„…dann stellen sich angenehme Empfindungen ein“

Wir tendieren alle dazu, uns so zu verhalten, dass sich angenehme Empfindungen einstellen.
Die Neurobiologie ist in der Lage, Teile des Gehirns zu bestimmen, die für angenehme Empfindungen zuständig sind. Das ist ein Nervenzellsystem des Gehirns, das man Motivationssystem nennt. Das Motivationssystem sendet Botenstoffe aus, die gerne als „Glücksbotenstoffe“ bezeichnet werden. Diese Motivationsbotenstoffe führt Prof. Bauer aus, „das sind Botenstoffe, die uns vital fühlen lassen, die uns in unserem Körper wohlfühlen lassen, die uns Freude am Leben fühlen lassen."
Die moderne Hirnforschung kann diese Prozesse beobachten, wo die Aktivität stattfindet.

Welche Verhaltensweisen des Menschen aktivieren diese Motivationssysteme bzw. führen zu angenehmen Empfindungen ?

Es ist soziale Akzeptanz, Wertschätzung, Vertrauen. Es ist Kooperation, die uns andere anbieten, dann setzen die Motivationssysteme ihre Glücksbotenstoffe frei.

Die Grundtendenz des menschlichen Gehirns deutet daraufhin, dass wir uns so verhalten, dass wir angenehme Empfindungen haben.

Das ICH ist immer auch ein WIR

„Wenn ein anderer Mensch im Einzugsberiech meiner 5 Sinne ist, dann werden meine Nervenzellsysteme für Handlungen, für Gefühle nicht nur dann aktiv, wenn ich fühle, sondern
die gleichen Nervenzellen werden auch dann aktiv, wenn der andere Mensch im Einzugsbereich meiner 5 Sinne ist, handelt oder fühlt,“ umschreibt Professor Bauer die „We-ness“( das Wir-ein, das WIR-Gefühl) Wenn z.Bsp.: der andere Mensch trauert und weint, sendet die Person Zeichen aus, sprachliche und körpersprachliche Zeichen, die durch Körperzellnetzwerke in unserem Gehirn gelesen werden können und dann kommt es in mir zu einer Aktivierung meiner Traurigkeit, wenn die andere Person zum Beispiel traurig ist und dies zu erkennen gibt.

Sendungshinweis:

"Focus“, Sendung vom 17. November 2011

== Zur Person: ==
Prof. Dr. Joachim Bauer ist Molekularbiologie, Neurobiologe und Arzt mit Ausbildung als Internist, Psychotherapeut und Psychiater. Sein Spezialgebiet ist die Psychosomatische Medizin. Er lehrt als Universitätsprofessor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Bauer ist Autor mehrerer wissenschaftlicher Sachbücher.

Literatur:

Joachim Bauer, Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt.
Blessing Verlag.

www.psychotherapie-prof-bauer.de

Musik:

mund.Art
musik von astor piazolla

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