„Ich weiß nicht, was ich nicht machen soll“

Am Montag beginnt für den Psychiater und Suchtexperten Reinhard Haller ein neuer Lebensabschnitt: Er geht nach 35 Jahren als Chefarzt am Krankenhaus „Stiftung Maria Ebene“ in Pension. In seiner Zeit als Chefarzt ist das Haus von 20 auf 90 Betten gewachsen.

Priester, Anwalt oder Germanist - diese drei Berufe standen für den jungen Reinhard Haller in der engeren Wahl. Schon früh entschied er sich für den Beruf des Psychiaters. Im Laufe der Pubertät habe er sich überlegt, ob es einen Beruf gebe, der alle diese drei Eigenschaften - das Priesterliche, das Juristische und das Fabulierende - in sich vereinige, sagt Haller. „Und da bleibt natürlich nur der [Beruf] des Psychiaters übrig.“

Gefragter Gutachter

Als er seinen Dienst antrat, war er mit 31 Jahren der jüngste Primarius Österreichs. Das Haus hatte damals 16 Mitarbeiter, heute sind es 160. Die 1980er-Jahre waren in der Psychiatrie eine Zeit des Aufbruchs, neue Therapieformen wurden eingeführt, etwa die Kunst als Therapie. Selbige wird noch immer angewandt. „Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Menschen, von denen man nicht ganz sicher weiß, ob sie überhaupt reden können, über Kunstwerke ihre innere Seite nach außen vermitteln können.“

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Porträt Reinhard Haller

Psychiater Reinhard Haller verlässt das Krankenhaus „Stiftung Maria Ebene“ nach 35 Jahren. Ein Rückblick auf eine außergewöhnliche Laufbahn.

Haller ist ein gefragter Gerichtsgutachter. Bei rund 1.000 Prozessen war er dabei - darunter die spektakulärsten Kriminalfälle der Republik, etwa den Prozessen um Jack Unterweger, Franz Fuchs oder Josef Fritzl. 400 Mördern ist er gegenüber gesessen. Nicht jedes furchtbare Verbrechen entspringe aber einer kranken Psyche, sagt Haller: „Insofern ist es natürlich auch in hohen Maße diskriminierend gegenüber den psychisch Kranken - die im Prinzip ja nicht gefährlicher sind als die Durchschnittsbevölkerung - wenn man alle bösen Taten ihnen zurechnen will.“

Der Beruf als Hobby

Hallers Beruf ist sein Hobby. Daneben liebt er es aber auch, wandern zu gehen. Der Blick von oben mache gelassener - Bewegung in der Natur ist für ihn Psychotherapie. Wenn Haller jetzt den weißen Kittel an den Nagel hängt, ist viel Wehmut dabei. Das Krankenhaus „Maria Ebene“ war seine zweite Heimat. In der dritten Lebensphase will der Experte Bücher schreiben, Gutachten erstellen und eine kleine Praxis in Feldkirch eröffnen. „Mein Problem wird nicht sein, dass ich nicht weiß, was ich tun soll, sondern dass ich nicht weiß, was ich nicht tun soll.“

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