Roma: Bettelverbote lösen keine Probleme

Die Zahl der Armutsmigranten in Vorarlberg schwankt nach offiziellen Angaben zwischen 200 und 250. Bettelverbote in den Städten drängten die Menschen in Dörfer und ländliche Regionen. Die Dornbirner ÖVP-Stadträtin Hinterauer hält das Problem für ungelöst.

Zuletzt waren viele Armutsmigranten in Bregenz anzutreffen, beschreibt die Dornbirner ÖVP-Stadträtin Marie Louise Hinterauer die aktuelle Lage. Nun würden diese Menschen wieder verstärkt nach Dornbirn zurückkehren. Armutsmigranten würden hin und her geschoben. Hinterauer pocht auf klare Regeln im Zusammenleben.

Dornbirn verbot bekanntlich per Verordnung das Betteln an Markttagen im Zentrum. Die Stadt geht davon aus, eine weitere Ausdehnung des Bettelverbotes wäre verfassungswidrig. Hinterauer räumt ein, dass gegen stilles Betteln nichts einzuwenden sei, gegen aggressives hingegen schon. Das Betteln von Haus zu Haus sei nicht erlaubt. Auch wildes Campieren nicht.

Jobs für Armutsreisende

Aufgrund des Wirschaftsaufschwungs müsste ein Teil der Armutsmigranten nicht mehr betteln. Jeder vierte habe derzeit einen Arbeitsplatz. Die meisten würden im Reinigungsbereich, in der Bauwirtschaft oder im Tourismus arbeiten, sagt Michael Hämmerle von der Kaplan Bonetti-Beratungsstelle. Durch die strenge Vorgangsweise der Städte gegen Bettler seien einige in den ländlichen Raum abgewandert. Dort fielen die Menschen laut Hämmerle nicht mehr so auf.

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Armutsmigration ist ein weltweites Problem. Seit 600 Jahren sind Romavölker in Europa unterwegs. Seit einigen Jahren auch in Vorarlberg.

Wohnungsnot weiterhin aktuell

Die Wohnungsnot bleibt. Die Notschlafstellen sind aufgelöst. Wer Arbeit hat, sucht eine Mietwohnung. Der Preis ist jedoch hoch. Oft wohnen viele Menschen deshalb gemeinsam in einem kleinen Zimmer. Nach wie vor sind laut Hämmerle zahlreiche Armutsmigranten obdachlos.

Armutsmigration ist weltweit verbreitet

Armutsmigration ist ein weltweites Problem. Nicht nur die Volksgruppe der Roma ist davon betroffen. Roma aus Rumänien, Bulgarien und der Slowakei sitzen nur im letzten Waggon des Zugs, so der Journalist Norbert Mappes-Niediek. Mappes-Niediek ist ein ausgewiesener Kenner Südosteuropas.

„Wider die Ressintiments - Arme Roma, böse Zigeuner“ von Norbert Mappes-Niediek clausstille.com

Zu Hause gibt es keine Arbeit. Seit 1990 sind in Rumänien vier von acht Mio. Jobs weggefallen, berichtet Mappies-Niediek. Arme Menschen versuchten es mit einem Puzzle an Überlebensstrategien: Gelegenheitsarbeiten, Betteln, kleine Diebstähle und Transferzahlungen. Die Familie wirkt wie eine Sozialversicherung, wo andere Unterstützungen fehlen.

Mappes-Niediek verweist andrerseits darauf, dass auch etwa 250.000 Ärzte Rumänien verließen. Sie arbeiten für besseren Lohn in Spitälern Westeuropas. „Die Ärzte nehmen wir, die Kranken überlassen wir Rumänien“, so der deutsche Journalist.

Generation ohne Arbeit

Norbert Mappes-Niediek war am Montag in „Vorarlberg Heute“ zu Gast. Er beschreibt das Leben in Rumänien: „Das sind Menschen, die leben größtenteils in Elendsvierteln, am Rande großer, aber auch kleinerer südosteuropäischer Städte. Sie sind seit einer Generation praktisch ohne Arbeit, leben tatsächlich im Elend und müssen sich möglichst breit aufstellen.

Sie versuchen alles Mögliche: Sie beantragen Transferleistungen, machen Gelegenheitsarbeiten, manchmal sammeln sie Flaschen oder Metall, manchmal kommt auch Prostitution dazu oder Bettelei – das findet auch in den Regionen statt. Und wenn das alles nicht mehr ausreicht, dann geht man weiter nach Westen. Aber man bleibt auch dem Grunde nach zu Hause. Man hat da immer noch sein Häuschen, seine Hütte und kehrt für einen Teil des Jahres wieder zurück.“

Wurzel der Armut

Mappes-Niediek ruft auch die historische Ausgangslage der Roma in Erinnerung. Bis vor 160 Jahren waren Roma Sklaven in Europa, ähnlich der Schwarzen Bevölkerung in den USA. Für Roma gab es allerdings niemals einen „New Deal“ wie in Amerika und auch keine Landreform. Der Zugang zu Grundbesitz war ihnen verwehrt. Ihre Häuser und Hütten errichteten sie auf brachliegendem Land.

Im Kommunismus hatten viele Roma bezahlte Jobs. Als die Fabriken nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs schlossen, war auch die Arbeit weg und kam nie wieder. Ihre Wohnungen in den Städten mussten Romafamilien aufgeben. Viele leben heute in Elendsvierteln rund um die Städte. Die Lösung der Probleme sieht Mappes-Niedieck in einer gesamthaften Armutsbekämpfung durch die EU in Rumänien und den Aufbau von Infrastruktur und Arbeitsplätzen. Projekte allein griffen zu kurz.

Experte räumt mit Vorurteilen auf

Armutsreisende sehen sich weder als fahrendes Volk, noch begreifen sie sich als eine einheitliche Volksgruppe, erläutert Mappes-Niediek. Nicht alle pflegen Roma-Traditionen und manche Verhaltensweise ist nicht einmal eine Tradition. Mappes-Niediek erwähnt als Beispiel das Tragen langer Röcke. Manche Frauen ziehen sie an, andere nicht. Lange Röcke seien lokal beschränkt. Die Sitte sei vor 25 Jahren aufgetaucht, womöglich aus praktischen Gründen. Entgegen aller Vorurteile in westlichen Ländern, Roma sind eine äußerst heterogene Volksgruppe, betont Mappes-Niediek.

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